Herbst-Blatt Nr.17, Dezember 1999 Herbst-Blatt

    Umgeblättert und abgerissen
    Teil 1

    In grauer Vorzeit war für die Menschen die Möglichkeit der Zeitmessung beschränkt auf den Tag, die Nacht und die Jahreszeiten. Damit ist die Erde der älteste Zeitmesser, bedingt durch ihre Eigendrehung von 1670 km/h, gemessen am Äquator. In einem Jahr legt sie auf ihrer Bahn um die Sonne im Mittel eine Strecke von 1 Milliarde Kilometer zurück mit einer Geschwindigkeit von 30km/sec.

    Robinson Crusoe
    Robinsons Kalender

    Ein Tag liegt zwischen zwei Sonnenauf- oder -untergängen. Die Monatslänge orientiert sich an dem vollen Phasenwechsel des Mondes, wobei jede Phase etwa 7 Tage dauert (Neumond bis Halbmond, Halbmond bis Vollmond usw.). Daraus könnte auch die 7-Tage -Woche abgeleitet worden sein. Andere Theorien führen ihre Entstehung auf die damals sichtbaren 7 Planeten zurück. Alle Kalender wurden entweder nach dem Lauf der Sonne oder den Phasen des Mondes angefertigt. Dadurch, daß Tag, Monat und Jahr nicht genau volle Stundenzahlen dauern, hatten alle Astronomen Mühe, gute Kalender zu entwickeln. Aus unterschiedlichen Berechnungen resultierte daher eine Vielzahl von Systemen. Die ersten Zeitmeßsysteme bestanden aus Stäben, in die Kerben geritzt wurden (Robinson Crusoe benutzte einen solchen) oder Schnüre, in die Knoten gemacht wurden (gibt es heute teilweise noch in Guinea, Ostafrika und Polynesien).

    Heutige Stunden konnten erst nach Erfindung und Verbreitung von Uhren gezählt werden.

    Grundlage aller Kalender sind Sonnentage und -jahre und Mondmonate. Betrachten wir einige Systeme etwas näher:

    In Ostasien verwendeten viele Völker den chinesischen Kalender mit Abweichungen bei den Monatsnamen: Japaner, Koreaner, Mongolen, Vietnamesen, Tibeter u. a.

    Chinesisch-Japanischer Kalender

    Er ist so alt wie der babylonische oder ägyptische (Beginn der Zeitrechnung etwa 2637 v. Chr.) und war angelegt nach der Ekliptik der Sonne, der sogenannten "Gelben Bahn". Sie umfaßte 360 Grad und war in 12 gleiche numerierte Bereiche aufgeteilt, die später in Tierkreiszeichen umbenannt wurden. Die Monate (beginnend bei unseren Fischen) waren namenlos, nur der erste war geweiht. Sie begannen mit dem Tag des Neumondes und dauerten 29 oder 30 Tage. Da die Chinesen auch den Lauf der Sonne in ihre Berechnungen einbezogen, wurde immer dann, wenn die Sonne in kein Tierkreiszeichen eintrat, ein Schaltmonat eingefügt. Die Berechnungen dafür waren auf astronomischen Tafeln festgelegt. Wie genau die chinesischen Astronomen die Himmelskörper beobachteten, zeigt die Tatsache, daß sie bereits um 1100 v. Chr. die Neigung des Äquators gegen die Ekliptik erkannt hatten. 1000 v. Chr. wurde der Kalender reformiert. Das Sonnenjahr wurde auf 365,25 Tage festgelegt, die Schaltmonate wurden nach dem Meton-Zyklus (7 Schaltmonate in 19 Jahren) immer nach der Wintersonnenwende eingefügt. Dieser Zyklus-Kalender wurde ebenfalls in Japan, Korea, der Mongolei, in Vietnam und Tibet verwendet. Um 360 v. Chr. besaßen sie den ersten Sternen-Katalog mit Aufzeichnungen über Kometen, Sonnenflecken u.a. 246-201 v. Chr. wurde ein Kalender mit 24 landwirtschaftlich definierten Jahreszeiten als Hilfe für die Bauern entworfen, der teilweise heute noch in Gebrauch ist. 140 Jahre später wurde eine weitere Korrektur vorgenommen. Bedeutende Erfindungen in der Gerätetechnik im 13. Jahrhundert machten genauere Berechnungen möglich. Einige dieser Geräte konstruierte 300 Jahre später der Däne Tycho Brahe ebenfalls.

    Im 16. Jahrhundert ersetzte der deutsche Jesuiten-Pater Johann Adam Schall von Bell die astronomischen Tafeln durch neuere. Als Belohnung wurde er höchster Beamter des chinesischen Reiches: Präsident der kaiserlichen Kanzlei. Die chinesische Woche dauerte 60 Tage und hatte Namen wie Strauch mit Schlange, Berg mit Drachen, Weg mit Panda u. a. Jahre wurden ebenfalls im Zyklus von 60 Jahren gezählt. Heute sind wir im 16. Jahr des 78. Zyklus. Der Kalender wurde oft korrigiert. 1912 wurde der Gregorianische Kalender eingeführt, der allerdings erst seit 1949 der offizielle ist.

    Tycho Brahe rechnet
    Tycho Brahe rechnet

    Ägyptischer Kalender

    Die Zeitrechnung begann mit der Regentschaft des ersten Pharao Menes vor etwa 5000 Jahren. Offiziell hatte das Jahr 12 Monate mit 3 Wochen zu je 10 Tagen ausgerichtet an der Sonne. Seit alters her teilten die Menschen am Nil das Jahr in drei Abschnitte zu vier Monaten, Überschwemmung, Aussaat, Ernte. Die sich im Laufe der Zeit dabei ergebenden Verschiebungen störte die Ägypter nicht. Die herrschende Priesterkaste richtete sich nach dem Aufgang des Siriussterns, der ihnen anzeigte, daß nun, bedingt durch die Schneeschmelze, der Nil die Felder überfluten würde. Sie wußte, daß das Sonnenjahr länger ist als 360 Tage. Mit einem Trick hängten sie die fehlenden Tage an das Jahr an. Sie erzählten dem gläubigen Volke, dass Geb, der Gott der Erde, Nut, die Göttin des Himmels, heiratete. Der eifersüchtige Ra, Gott der Sonne, verfluchte Nut und schwor, sie würde ihre Kinder weder in einem Monat noch an einem Tag gebären. Nut suchte Rat bei Thot, Gott der Weisheit. Dieser hatte im Spiel mit der Mondgöttin Teile des Lichts gewonnen, aus denen er 5 Tage formte und an das Jahr anhängte. In dieser Zeit gebar Nut die Kinder Osiris, Horus, Seth, Isis, Nephtyl. Zur Besänftigung wurden diese Tage dem Ra geschenkt. Seitdem hat das ägyptische Sonnenjahr 365, das Mondjahr 355 Tage. Im Jahre 238 v. Chr. reformierte Ptolemäus III. mit dem Dekret von Canopus den Kalender und verfügte, dass alle vier Jahre ein Schaltjahr sein sollte. Diese Anordnung galt nur für wenige Jahre. Sie hat aber heute noch Auswirkungen auf unseren Kalender. Der Historie nach soll Cäsar diese Regelung in seinem Reich eingeführt haben.

    Babylonische Kalender

    Kalender in Kleinasien gab es schon sehr früh. Der bekannteste ist der Babylonische Kalender. Er war ein reiner Mondkalender und hatte seine Ursprünge in den einzelnen Stadtstaaten zwischen Euphrat und Tigris. Um 2000 v. Chr. vereinigte König Hammurabi durch Unterwerfung das Territorium zu einem Reich, verschaffte der Bevölkerung Wohlstand und einen hohen Bildungsstand in Kultur, Wissenschaft, Kunst, Seefahrt und Staatsrecht. Geltung hatte der Kalender der Stadt Ur mit 12 Monaten zu 29 oder 30 Tagen. Die Woche mit 7 Tagen hatten sie von den Sumerern übernommen. Schaltmonate wurden nach dem 8-jährigen, ab dem 4Jhd. v. Chr. nach dem 19jährigen Zyklus eingefügt.

    Kalender des Omar Chayyam

    Er war im Mittelalter ein orientalischer Gelehrter, Mathematiker, Astronom, Philosoph und Dichter (Vierzeiler). Der Seldshuken-Sultan baute 1076 in seiner Residenz Isfahan ein astronomisches Observatorium. Omar fertigte dort astronomische Tafeln an mit den 100 hellsten Sternen. Da es in dieser Region mehrere Sonnen- Mondkalender gab, wurde eine Kommission unter Leitung des Gelehrten eingesetzt, die die Übereinstimmung des Jahres mit der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche herstellen sollte. Sie entwickelten den 33igen Zyklus eines Sonnenjahres mit 25 Gemeinjahren und 8 Schaltjahren. Durch genaueste Sonnenbeobachtung wurde die Tag- und Nachtgleiche auf den 15. März 1079 (Juli-anischer Kalender) festgelegt und die Monate März bis September hatten 31 Tage.

    Jüdischer Kalender

    In ihm war die wichtigste Zeitrechnung die 7-Tage-Woche, während andere Kulturen mit der 5- oder 10-Tage-Woche, nach Anzahl der Finger, rechneten. Die Erfindung dieser Woche liegt im Dunklen. Wissenschaftler vermuten ihren Ursprung im 4. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien (Sumerer). Dort war die 7 eine heilige Zahl. Die Tage hatten zum Leidwesen der Rabbiner Planetennamen bis auf den Sabbat. Die Juden benutzten einen Mondkalender, deshalb hatten ihre Monate 29 und 30 Tage. Als sie versuchten, die Besonderheiten ihres Glaubens und den Lauf der Sonne in den Kalender einzuarbeiten, wurde es kompliziert, um nicht zu sagen chaotisch. Übertroffen wurden sie nur noch von einigen indischen Kalendern. Normal wäre eine Übereinstimmung von Sonnen- und Mondkalender in zwei Jahren zu erreichen gewesen, ein Jahr 12 Monate, das nächste Jahr 13 Monate, danach dann die uns bekannte Regelung. Wären da nicht die Ausnahmen. So durfte der Neujahrstag im Herbst nicht auf einen Sonntag, Mittwoch oder Freitag fallen. Passierte es doch, wurde das abgelaufene Jahr einfach um einen Tag verlängert. Insgesamt gab es 5 Ausnahmeregeln und dadurch 6 verschieden lange Jahre mit 353-355 und 383-385 Tagen. Der Kalender begann mit der Erschaffung der Welt, die am 3. oder 7. Oktober 3761 v. Chr. war - nach Meinung der Kalendermacher. Von der Erschaffung Adams bis zum Auszug der Juden aus Ägypten vergingen 2448 Jahre, bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer (70 n. Chr.) dauerte es 1380 Jahre.

    Heinz Naß

    Siehe auch: Umgeblättert und abgerissen - Teil 2
                      Umgeblättert und abgerissen - Teil 3
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