| Herbst-Blatt Nr.20, September 2000 |
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Die EmscherWo entspringt eigentlich die Emscher? - werden sich viele unserer Bürger schon gefragt haben. Südwestlich des Ortskerns von Holzwickede befindet sich der Hixterwald. Dort entspringen am "Quellacker" drei Quellen. Sie fließen an der Quellenstraße zusammen und bilden den Quellenbach. |
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Inmitten von Wiesen und Feldern liegt ein malerischer Fachwerk-Bauernhof mit altem Forsthaus und einem Teich, der Lünschermannshof. Der Quellenbach fließt in den Teich des Gehöftes und verläßt ihn wieder als Bach. Das ist die Wiege der Emscher. Irrtümlich wird überliefert, die Emscher entspringe im Keller des Bauernhauses. |
Foto: Emschergenossenschaft
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Im Quellgebiet der Emschergemeinde Holzwickede plätschert das Wasser noch als kleiner munterer Bach sauber durch Wiesen. Von Holzwickede fließt er nach Sölde in Dortmunder Gebiet. Kürzere Strecken, z.B. unter Straßen, ist er verrohrt. Die Emscher mündet in der Höhe von Walsum bei Duisburg in den Rhein. Sie durchzieht die Emscherregion von Ost nach West auf einer Länge von 109 Kilometern mit Verbindungen zu den großen Seehäfen in Norddeutschland, zum süddeutschen Raum und zu angrenzenden Staaten. Der Freihafen in Duisburg, der erste seiner Art im Binnenland, gibt dazu wichtige Impulse. Es ist der größte Binnenhafen der Welt und Ausgangspunkt zu Hafenrundfahrten. Faszinierend ist die Besichtigung des Innenhafens mit der Speicherstadtkulisse. Das Fluß-, Kanal- und Hafennetz des Ruhrgebiets gilt als das dichteste in Deutschland. Uns am nächsten fließt die Emscher durch die altbesiedelte Hellweglandschaft. Das Industriegebiet massiert sich hier und schiebt sich ins Emscherbecken ein. Nach Norden hin verläuft die Emscherniederung. Es ist ein eiszeitlich ausgeräumtes, etwa 3 bis 5 km breites Tal, das die Emscher, von zahlreichen Altwasserarmen angereichert, durchfließt. Flurbezeichnungen mit der Endung Bruch, z.B. Hombruch, weisen auf den ehemaligen Moorcharakter der Emscherzone hin. Das Naturschutzgebiet "Mastbruch" im Dortmunder Gebiet gehört dazu. Der Bergsenkungssee ist Heimat für viele Wasserinsekten, vor allem für wunderschöne Libellen. Der Mastbruch wird - eine Besonderheit - während des jährlichen Vogelfluges als Rastplatz angeflogen. Die Emscherbrücher DickköppeAnfang des 19. Jahrhunderts lebten in Schwarzerlen-, Eschen- und Moorbirkengebüschen noch Wildpferde. Die frühesten Hinweise auf diese Pferderasse stammen aus dem Jahr 1369. In Rudeln lebten sie in einem ca. 40.000 Morgen großen Gebiet aus Wäldern, Wiesen und Sümpfen zwischen Waltrop und Bottrop. Sie hatten bei einer Höhe von 1,60 m eine kräftige Muskulatur, waren ausdauernd und genügsam. Weit über das Emscherland hinaus ging ihr guter Ruf. Einmal im Jahr wurden diese Wildpferde zusammen getrieben. Am Laurentiustag im August fand in Crange bei Herne ein großer Pferdemarkt statt. (Krang = Windung) Nur die Händler und Käufer hatten Zutritt. Alle anderen Menschen mußten am anderen Ufer der Emscher warten. Dort entwickelte sich ein Volksfest. 1834 gibt als letzter Pferdezüchter Landrat Devens die Zucht auf. Aus dem mittelalterlichen Pferdemarkt der "Emscherbrücher Dickköppe" wurde die Cranger Kirmes, noch heute eines der größten Volksfeste im Ruhrgebiet. Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand an der Emscher ein Gewirr von Fabriken, Zechen, Kokereien, Werksbahnen und Arbeiterkolonien. Der Kohlenpott war geboren. Er wird auch heute noch als typisch für das Emscher-/Ruhrgebiet angesehen, hat sein Gesicht jedoch durch die Schließung vieler Stahlhütten und Steinkohlegruben verändert. Hohe Schornsteine und Fördertürme bestimmen nicht mehr das Bild der Landschaft. Seit Beginn des hiesigen Bergbaus wurde die Emscher mit ihren Nebenbächen als Ableitung für Industrieabwässer benutzt. Die Emscher, so wurde schon 1875 beklagt, war durch Abwässer eine schwarze stinkende Brühe geworden. Kein Fluß der Welt war so abscheulich. Sie war verseucht und kein Lebewesen in ihr. Unvorstellbar, daß früher Fische und Krebse darin waren. Das klare Wasser trieb viele Mühlen an. Es gab saftige Wiesen an ihren Ufern. Doch Papiermühlen waren die ersten großen Umweltverschmutzer im Emschergebiet. Sie arbeiteten mit gefärbten Lumpen und Fäulnisprodukten und belasteten damit die Gewässer. Bachanlieger beschwerten sich immer wieder über den Gestank. Vor 1850 gab es in der sumpfigen Landschaft nur wenige Streusiedlungen und vereinzelte Höfe. Die Menschen lebten von einer kargen Landwirtschaft und von Fischen aus der Emscher. Das flache Emscherland hatte kein tiefes Flußbett. Die Emscher überwand von der Quelle bis zur Mündung nur einen Höhenunterschied von 122 Metern. Mergelboden und Stauwehre für die Mühlenbetriebe verminderten außerdem den Durchfluß. Es gab daher häufig auftretende weiträumige Überschwemmungen bei starkem Regen oder nach der Schneeschmelze. ![]() Grafik: Emschergenossenschaft
Der unterirdische Abbau der Kohle höhlte an vielen Orten das Land aus, es entstanden Bergsenkungen. Diese Einbrüche hatten teilweise ein Ausmaß von mehr als zwanzig Metern erreicht. Dadurch wurde der natürliche Abfluß des Emscherwassers und ihrer Nebenbäche gestört. Es bildeten sich Senkungssümpfe und Teiche. Die Sümpfe wurden Brutstätten von Seuchen wie Typhus und Ruhr. Die älteste Werkssiedlung des gesamten Ruhrgebiets mit Namen "Kolonie Eisenheim I" wurde erhalten und steht unter Denkmalschutz. Sie wurde 1844 in Oberhausen-Eisenheim in der Nähe der späteren "Gute Hoffnungshütte" gebaut. Viele Industriegebiete und Zechen brauchten Arbeitskräfte. Ab 1870 kamen Ströme von Zuwanderern, zuerst aus nahen ländlichen Gebieten Westfalens, des Rheinlandes und Hessen. Dann überwiegend aus Schlesien, West- und Ostpreußen, Posen und auch aus Polen. Sie alle hatten in ihrer Heimat keine berufliche Zukunft, doch sie waren lebenstüchtig und mutig genug, um sich an der fernen Emscher und Ruhr eine neue Existenz zu schaffen. Die Männer passten sich schnell dem Lebens- und Arbeitsrhythmus an. Bindungen zu heimischen Frauen erleichterten ihnen die Kommunikation im Leben. Die Bevölkerungszahl im Emscher-Lippe-Gebiet stieg ab 1890 rapide an. Waren es bis dahin 650.000 Einwohner, so wurden es innerhalb von 10 Jahren durch die Zuwanderungen vier Millionen. Kumpel und Stahlkocher wurden unentbehrlich. Als der Versailler Vertrag 1920 in Kraft trat, wurde der polnische Nationalstaat geschaffen. In der Folge verließen 100.000 bis 150.000 patriotische Polen das Revier. Das preußische Handels- und Gewerbeministerium in Berlin sah es mit Sorge, da sich eine große Zahl qualifizierter Bergarbeiter darunter befand. Zur Abwanderung trugen auch die politischen Unruhen und der Nahrungsmittelmangel bei. Es mußten endlich geordnete Verhältnisse in das System des Emscherlaufes geschaffen werden. Die Gründung des Emschergenossenschaft wurde am 14. Dezember 1899 im Bochumer Städtehaus durch die Vertreter von Kommunen, Bergbau und Industrie beschlossen. 1904 hat dann das Land Preußen Aufgaben und Rechtsform der Genossenschaft festgelegt. Sie sollte die Seuchenherde beseitigen und eine geordnete Wasserführung und Abwasserreinigung im Emschergebiet durchführen. Schon einige Jahre später war der Emscherfluß begradigt und 3-5 m tiefer gelegt worden. 1909 war die schwerste Hochwasserkatastrophe im Emschertal bei Gelsenkirchen-Horst. Dieser Abwasserfluß wurde ein riesiger See, ganze Stadtteile standen unter Wasser. Giftige Abwasserrückstände der Industrie und Fäkalien blieben als stinkender Schlamm zurück. Weidendes Vieh verendete und die Menschen wurden krank. Viele starben. Es war eine verheerende Überschwemmung. Infolgedessen wurden in diesem Gebiet größere Verlegungen des Emscherbettes vorgenommen. Es war und ist bis heute ein ständiger Kampf mit dem sinkenden Land. Fluß und Bachläufe müssen erhöht oder gesenkt, Deiche und Pumpwerke angelegt werden. Dadurch sind manche "Deiche" an der Emscher meterhoch gewachsen. Es sind gefährliche Ufer. An den glatten, schmierigen Seiten aus Betonplatten kann sich weder Mensch noch Tier festhalten. Wer an diesen Stellen in die Emscher fällt, kann sich aus eigener Kraft nicht daraus retten. So mancher Mensch ist schon in der Emscher ertrunken. So erging es 1978 dem Schriftsteller Michael Holzach (u.a. "Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlfahrtsland"). Für Recherchen zu einem Film wanderte er mit seinem Hund bei Dorstfeld an der Emscher entlang. Sein Hund "Feldmann", ein Boxer, tollte am Ufer herum, rutschte die Böschung herunter und fiel in die Emscherkloake.
Der kräftige Hund kämpfte, schaffte es aber nicht, an dem betonierten Unfer hoch zu kommen. Michael Holzach sah das - und sprang. Sofort riß ihn die kräftige Strömung mit, schmetterte seinen Kopf gegen einen Betonpfeiler, Holzach ertrank. Die Feuerwehr konnte ihn nur noch tot bergen. Der Hund wurde mit einer Leiter gerettet. Sein Herrchen hatte für ihn sein Leben gegeben. Die Emschergenossenschaft hat an der kanalisierten Emscher Warnschilder aufgestellt: Das Betreten der Anlage ist mit Gefahr verbunden und nicht erlaubt. Die MündungDreimal mußte die Mündung der Emscher - 1906-1910 - verlegt werden, weil das bisherige Mündungsgebiet abgesunken war. Die heutige Emschermündung bei Duisburg/Dinslaken liegt ca. 9 km nördlicher als die natürliche. Es war der Bau eine neuen Flußlaufs von 14 km erforderlich geworden. An diesem "Eingangstor" zum Rhein ist das zweitgrößte Klärwerk der Welt. Die Emscher wird dort zum letzten Mal gereinigt. Große Kläranlagen sind auch in Dortmund Nord und in Bottrop. Der anfallende Schlamm mit Anteilen von Feinkohle wird im RWE-Kraftwerk zur Erzeugung von elektrischer Energie verbrannt. Die Kläranlagen sind sehr frühe und international beispielgebende Maßnahmen zum Umweltschutz. Im Verlauf der letzten Jahre hat die Renaturierung der Emscher Fortschritte gemacht. Der natürliche Wasserfluß der Emscher wird von den Abwässern getrennt und ein naturnaher Charakter wieder hergestellt. 1988 hat die Landesregierung NRW die "Internationale Bauausstellung Emscher-Landschaftspark" beschlossen. Es ist ein großes grünes Band im Revier und führt zu vielen Industriebrachen. Für Radfahrer und Fußgänger sehr reizvoll ist der Emscherweg zwischen Dortmund und Dinslaken. Hier können Kinder wieder an sauberen, gereinigten Bächen spielen, wie an dem Bach zwischen den Wiesen der Emscherquelle in Holzwickede. Karola Schulz Siehe auch: Die Emscher im Wandel der Zeit |
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