| Herbst-Blatt Nr.21, Dezember 2000 |
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Schönheit in BronzeWar es ein Zufall, daß als nächste Kirche in unserer Serie St. Marien in Massen auf unserer Liste stand? Gibt es überhaupt solche Zufälle? Wir kannten das Gotteshaus nicht, ehe wir uns mit Pfarrer Nacke, der sich bereiterklärt hatte, uns "seine" Kirche zu zeigen, trafen. Schon beim Betreten des Innenraumes (wir kamen durch einen Seiteneingang) fielen uns die bronzenen Türgriffe auf. Als wir uns dem Altarraum näherten, bemerkten wir, daß alle Kultgegenstände ebenfalls aus Bronze sind: Altarkreuz, Tabernakel-Stele und -haus, Taufbecken, Leuchter, Ambo (Lesepult), Weihwasserbecken, ja sogar die vierzehn Stationen des Kreuzweges. Und alle diese Kunstwerke kamen uns merkwürdig bekannt vor. Konnte es sein, daß auch hier Josef Baron, den wir Ihnen in unserem letzten Heft vorgestellt haben, seine Spuren hinterlassen hatte? Tatsächlich: er ist der Künstler, der 1986 den gesamten Innenraum der Kirche mit seinen Werken ausgestattet hat. Dabei ging er von dem Begriff "aufbrechen" bzw. "Aufbruch" aus, und zwar einmal als Entfalten einer Knospe, aus der Blüte und Frucht entstehen, aber auch als sich auf den Weg machen, Aufbruch zu einem neuen Ziel. Dieser Gedanke findet sich in allen Werken wieder. Der AltarraumMittelpunkt der Kirche ist der aus schlichtem Sandstein gehauene Altar, in dem das Bronze-Reliquiar eingeschlossen ist. Geschützt wird es durch eine Rosette, die einen Engelreigen darstellt. Sonst ist die schlichte Mensa (Tisch) nur mit einem umlaufenden Fries aus Weinreben und Trauben verziert.
Blickfang im Altarraum aber sind die mächtige Tabernakel-Stele und die darüber schwebende Kreuzigungsgruppe. Auch hier wieder der Grundgedanke Barons: die Enden der Kreuzesbalken sind wie Blüten aufgebrochen. Das hat hohe Symbolkraft. Der Körper des Gekreuzigten läßt zwar noch den Todeskampf ahnen, aber eigentlich ist auch er schon aufgebrochen. Das Gesicht ist bereits dem Himmel zugewandt, die Füße ruhen auf der Weltkugel, die Haltung der Arme weist ihn als Bittenden, Betenden, aber vielleicht auch als Segnenden aus. Am Fuße des Kreuzes stehen Maria und Johannes, wie es das Evangelium berichtet, Maria am Ende des Leidensweges, auf dem sie den Sohn loslassen mußte, damit er seinen Auftrag erfüllen konnte. Johannes aber wird aufbrechen, um das Neue, das mit Jesus in die Welt kam, zu verkündigen. Die Tabernakel-Stele stellt gleichsam einen Lebensbaum dar. Die Mittelsäule trägt das Tabernakel-Haus, im Stamm und im Laubwerk finden sich drei Bildplaketten, die ebenfalls Aufbruchsszenen darstellen: die Verkündigung an Maria, das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern und die Gethsemane-Szene. Das Tabernakel-Haus hat die Form eines Zeltes, wie es die Israeliten bei ihrem Aufbruch aus Ägypten für die Bundeslade mit sich führten.
Den Ambo, das Lesepult, schmückt ein Bild, das Jesus als Sämann zeigt, der gleichsam den Gedanken der Erlösung ausstreut. Die Bildplatten am Sockel stellen dar, was nach dem "Gleichnis vom Sämann" mit dem Samen passiert: ein Teil fällt auf den Weg und wird zertreten, ein anderer auf steinigen Boden und verdorrt, ein weiterer unter die Dornen, die ihn ersticken. Nur der Teil, der auf guten Boden fällt, sprießt und trägt Frucht. Ganz in der Nähe des Altars steht auf einer wuchtigen Säule der bronzene Kessel des Taufbeckens mit den Symbolen der vier Evangelisten. Der Mantel schildert den Aufbruch ins gelobte Land. Die Israeliten werden durch ein Wunder ihres Gottes Jahwe gerettet: Das Schilfmeer, das sich vor ihnen geteilt hatte, schließt sich hinter ihnen und verschlingt die sie verfolgenden Ägypter. "Gnädig hast Du geleitet das Volk, das du erlöst, hast es machtvoll geführt zu Deiner heiligen Wohnstatt." (Ex. 15, 13) Der kegelförmige Deckel stellt ein Netz dar, in dem sich viele Fische gefangen haben. Auch der Ständer der Osterkerze versinnbildlicht das Aufbrechen: ein Stamm, dessen unterer Teil kahl und voller Dornen ist, treibt im oberen Stück Zweige, Blätter und Blüten. Das Vortragekreuz erinnert im Aufbau an das Altarkreuz: der Körper des Gekreuzigten ruht auch hier auf der Weltkugel, der Sonnenkreis schließt wie ein Heiligenschein fast den ganzen Körper ein. Die Balkenenden bilden dicke, kurz vor dem Aufbrechen stehende Knospen. Die übrigen KunstwerkeDie Pietà ist gleichsam die Summe aller Erfahrungen, die Maria machen mußte: Sie hat den Sohn geboren, ihn seinen eigenen Weg gehen lassen, und nun ist er quasi in ihren Schoß zurückgekehrt, ein Körper, der einen unvorstellbar grausamen Tod erleiden mußte. Besonders eindrucksvoll ist der Kreuzweg. Die Stationen, die Jesus auf seinem Weg in den Tod durchleidet, sind auf vierzehn Bronzetafeln dargestellt. Ein Schriftband erläutert die jeweilige Szene. Im unteren, kleineren Teil - und das ist das Besondere - wird jeweils ein gedanklicher Bezug aus anderen Geschehnissen der Bibel zur eigentlichen Szene hergestellt. Dadurch wird die Betrachtung dieses Kreuzweges zu einem besonderen Erlebnis. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die Weihwasserkessel, an denen man häufig doch achtlos vorübergeht. Das Besprengen mit dem geweihten Wasser soll die katholischen Christen an die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes erinnern. Deshalb versinnbildlichen die Aufhängungen auch die Dreifaltigkeit: das Dreieck mit dem Auge steht für den Vater, das Kreuz für den Sohn und Taube und Flammen für den Heiligen Geist. Die FensterDie Fenster in der Kirche, denen das Sonnenlicht besondere Leuchtkraft verleiht, stellen verschiedene Heilige dar. Besonders wichtig für die Kirche, die ja der Maria geweiht ist, sind jedoch die Fenster in der Krypta. Sie stellen verschiedene Beinamen der Gottesmutter dar: Du mystische Rose, Du Turm Davids, Du Arche des Bundes, Du Pforte des Himmels, Du Meerstern (Morgenstern), Du Spiegel der Gerechtigkeit, Du geistliches Gefäß, Du elfenbeinerner Turm. Es lohnt sich, sich Zeit zu nehmen für eine stille Betrachtung. Brigitte Paschedag Siehe auch: Sankt Marien in Unna-Massen - Bau und Historie |