| Herbst-Blatt Nr.28, September 2002 |
|
Der HenkelmannWer kennt ihn noch, den guten alten Henkelmann? Gemeint ist hier nicht der Lehrer gleichen Namens, den sicher noch die Älteren unter uns, sofern sie die Königsborner Schule besucht haben, kennen. Hier war Heinrich Henkelmann lange tätig und ein Fachmann auf dem Gebiet "Heimatkunde". Doch dieser Mensch trug sicherlich, korrekt wie es sich für einen Lehrer damaliger Zeit gehörte, Schlips und Kragen. Der Henkelmann von dem hier die Rede sein soll, kam aber meist zu den Leuten im "Blaumann" in Fabriken und Baubuden. Was aber ist nun ein Henkelmann? Kaum ein Lexikon oder Museum gibt Auskunft über den eigenartigen Namen für dieses tragbare Essgeschirr. Entstanden ist es wohl im Zusammenhang mit der aufkommenden Industrie und in Anlehnung an das vom Militär bekannte "Kochgeschirr". Die zur damaligen Zeit recht langen Arbeitstage für die Arbeiter in den Fabriken und auf den Baustellen, zu denen in vielen Fällen auch noch lange Anmarschwege kamen, erforderte eine der schweren körperlichen Arbeit angepasste Verpflegung. Dieser Notwendigkeit trugen findige Köpfe Rechnung, in dem sie ein verschließbares und mit einem Tragebügel versehenes Essgeschirr entwickelten, eben diesen "Henkelmann". Da Werkskantinen zur Gründerzeit der Industrie noch nicht eingeplant waren, mußte die Tagesverpflegung von den Arbeitern selbst mitgenommen werden. Die oft in die Tageszeitung eingewickelten Butterbrote und die mit einem Bügelverschluß versehene Kaffeeflasche waren für die Frühstückspause gedacht, während der Henkelmann die Mittagsmahlzeit enthielt. Dieses Tragegeschirr gab es nun in den verschiedensten Ausführungen, einmal emailliert oder in Aluminium, als Einzelbehälter oder im Doppelpack. Das darin enthaltene Essen mußte natürlich diesen Formen angepasst sein. Also Eintopfgerichte, Suppen und Gemüse "durcheinander". Die Frauen dieser Zeit meist im "full time job" Hausfrau und Mutter, waren aber recht erfinderisch in der Auswahl und Zubereitung solcher spezieller Henkelmanngerichte. Sie waren sehr bemüht, den Gatten oder Sohn bei Laune und guter körperlicher Verfassung zu halten. Für das Aufwärmen der Henkelmänner und Kaffeeflaschen standen in den Fabrikräumen und Baubuden Wasserbehälter auf einem Ofen bereit. Die Wartung der Öfen und das pünktliche Hineinstellen der Behältnisse war in vielen Fällen Aufgabe der Lehrlinge. Eine nicht ungefährliche Aufgabe. Ich erinnere mich da an ein frühes Plakat der Unfallverhütung: auf einer Herdplatte stand eine Kaffeeflasche mit dem Text: "Hilfe! ich platze!, schrie die Kaffeeflasche, weil sie festverschlossen auf dem heißen Ofen stand". Da nun die mit einer Spange verschlossenen Deckel gelockert werden mußten, stiegen dem Budenjungen oft verführerische Düfte in die Nase. Da der Hunger der Jungen natürlich immer sehr groß war, fehlte dann schon einmal ein Stück Wurst von der Beilage im Henkelmann. Beschwerte sich der so Benachteiligte abends bei seiner Ehefrau über die mäßige Zuteilung, war der Junge natürlich aufgefallen. Entweder gab es dafür eine Ohrfeige oder aber ein zusätzliches "End Mettwurst". Wenn es aber die Gegebenheiten zuließen, wurden die Henkelmänner auch von Ehefrauen, Müttern oder Kindern zu den Werkstätten gebracht. Die Frauen mußten sich dann pünktlich zum "Essen bringen" auf den Weg machen. Wenn dann die Werkssirene zur Mittagspause rief, standen sie mit den Henkelmännern vor dem Werktor und erwarteten hier ihre Abnehmer. Dieses "Essen bringen" hatte natürlich den Vorteil einer frischgekochten Mahlzeit, die nicht aufgewärmt werden mußte. Für die Zeit des Anmarschweges diente Zeitungspapier als Wärmeisolierung. Thermobehälter kamen erst sehr viel später auf den Markt. Natürlich wurden dabei auch die jeweiligen Kochkünste der Ehefrauen und Mütter gelobt oder auch beschimpft. Jeden Tag Speck und jeden Tag Sauerkraut war auch nicht richtig. Abwechslung sollte schon sein, aber ein Vier Gänge Menü mit Messer und Gabel konnte man im Henkelmann nicht servieren. Dafür aber hin und wieder, bei frisch verliebten, unter dem Deckel versteckt eine kleine Liebeserklärung mit Herzchen. Zusätzlich waren ein paar Reibekuchen aber immer willkommen zur Bohnensuppe. In der Landwirtschaft und im Bergbau waren Henkelmänner nicht üblich. Ständiger Begleiter der Bergleute war die umgehängte Kaffeeflasche, das "Blech" und "gebuttert" wurde Untertage auf der Gezähekiste. Da die Feldarbeitszeiten vormals von den Pferden abhängig waren, ihre Pausen wurden streng eingehalten, war auch hier der Henkelmann nicht gefragt. Die Landarbeiter hatten meist Gelegenheit, auf dem Hof ihr Essen einzunehmen. In der Erntezeit wurde zu den Pausen die Verpflegung in Körben auf das Feld getragen. Seinen Job verlor der Henkelmann durch das Aufkommen von Werkskantinen und Imbissautomaten, und letztlich durch die verkürzten Arbeitszeiten in der Industrie. Nachfolger waren später die mobilen "Frittenbuden". Wie populär der Henkelmann im Ruhrgebiet war, lässt sich an einem Spottlied auf Kaiser Wilhelm II. ablesen. Als dieser 1918 abdankte und nach Holland ins Exil ging, sang man ihm das folgende Lied hinterher:
der Kaiser hat in`n Sack gehau`n. Da kauft er sich `nen Henkelmann und fängt bei Krupp in Essen an! Rudolf Geitz Fotos: Gustav-Lübcke-Museum, Hamm |