| Herbst-Blatt Nr.32, September 2003 |
|
In Memoriam Oskar Rückert
Heute vor 60 Jahren, am 3. Oktober 1943, verstarb der Unnaer Heimatforscher Prof. Dr. Oskar Rückert. Als Rückert im Dezember 1906 im Alter von dreißig Jahren berufsbedingt seine neue Wahlheimat nach Unna verlegte, war noch nicht abzusehen, welch große und bleibende Bedeutung dieser Neubürger für die Stadt Unna erlangen würde. JugendzeitRückert wurde am 1. September 1876 in der ehemals auch kulturell zu beachtenden Residenzstadt Meiningen (Thüringen) geboren. Er entstammte einer wissenschaftsorientierten Honoratiorenfamilie, die über Generationen beachtliche Persönlichkeiten hervorgebracht hatte. Sein Großvater Emil Rückert pflegte enge und geistesverwandte Kontakte zu seinem Vetter, dem spätromantischen Lyriker Friedrich Rückert (1788-1866) sowie dem bekannten Kindergarten-Pädagogen Friedrich Fröbel (1782-1852), für den er auch die Grabrede hielt. Oskar Rückerts Vater, Dr. Otto Rückert, eine bekannte Persönlichkeit auf dem Gebiete des Schulwesens, wirkte in Salzungen und Meiningen als Schuldirektor und ab 1892 als Seminardirektor für mehrere Kreise in Thüringen. Er war literarisch überaus aktiv, befasste sich intensiv mit Heimatgeschichte und Landeskunde, war der Erzieher zweier hessischer Prinzen und wurde wegen seiner besonderen Verdienste mit hochrangigen Ehrenzeichen dekoriert. Außerdem unternahm er umfangreiche Studienreisen und hielt seine gewonnenen Eindrücke in zahlreichen Skizzenbüchern fest. Aus dieser verpflichtenden Familientradition heraus erwachsen, hatte Oskar Rückert also ein reiches geistiges Erbe mitbekommen, welches bei ihm einen fruchtbaren Nährboden fand. StudiumDie Schule durchlief er als "primus omnium" und leistete nach Ablegung der Reifeprüfung eine einjährige Militärzeit in einem Erlanger Infanterieregiment ab. Abschließend ließ er sich in der theologischen und philosophischen Fakultät immatrikulieren, studierte in Heidelberg, Leipzig und Jena, wobei er sich schwerpunktmäßig auf die Theologie legte. In diesem Wissenschaftszweig wurde dann auch 1898 das erste theologische Examen abgelegt. Ein Jahr später schloss er seine pädagogischen und historischen Studien mit einer anspruchsvollen Dissertation zum Thema: "Ulrich Zwinglis Ideen zur Erziehung und Bildung im Zusammenhang mit seinen reformatorischen Tendenzen" ab. Lehrer und ErzieherNachdem Rückert nach vorangegangener Ordination für die Dauer von zwei Jahren eine ländliche thüringische Kirchengemeinde geleitet hatte, überwogen doch seine pädagogischen Neigungen, und er entschied sich für einen Wechsel in den Schuldienst. Hier unterrichtete er zunächst neben den Fächern Pädagogik und Psychologie vor allem in den Disziplinen Religion, Geschichte und Deutsch. In Jena legte er die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab, bevor er sich 1906 am Unnaer Realgymnasium - heute Pestalozzi Gymnasium - um eine ausgeschriebene Historikerstelle erfolgreich bewarb, die er im Januar 1907 mit besten Vorsätzen antrat. 1903 hatte er geheiratet und bezog nun eine ansprechende Wohnung in Unna, Iserlohner Str. 1.
rechts im Bild sitzend Prof. Rückert
Im Schuldienst war Rückert bis zu seiner Pensionierung am 31. März 1937 ständig am Pestalozzi-Gymnasium als überaus befähigte und anerkannte Lehrkraft tätig. Er unterrichtete hier vor allem in den Fächern Religion und Geschichte sowie zusätzlich in Deutsch, Latein und Erdkunde. Griechisch und Hebräisch gehörten zu den Sprachen, in denen er häufig auch privaten Unterricht im Erwachsenenbereich erteilte. HeimatgeschichteAußerschulisch befasste sich Rückert nebenberuflich mit geschichtlichen Themen, Heimat- und Familienforschung und dem hiesigen Kirchen- und Vereinsleben. Seine umfangreichen Vortragstätigkeiten, die sich insbesondere nach der Pensionierung teilweise extrem ausweiteten, ließen seine Arbeits- und Forschungszeiten in der heimischen Studierstube und zahlreichen Archiven beständig ansteigen. Nach zeitaufwendigen akribischen Recherchen wurden zahlreiche Artikel und Aufsätze in den Regionalzeitungen - insbesondere im Hellweger Anzeiger - veröffentlicht. U. a. arbeitete er auch an der Herausgabe des Standardwerkes "Evangelische Pfarrer in Westfalen" mit. 1936 wurde auch eine aus den vorhandenen historischen Quellen erarbeitete "Geschichte der evangelischen Stadtkirche zu Unna" von ihm herausgegeben. So war Rückert eine über Unnas Grenzen hinaus gefragte und bekannte, fachlich versierte Persönlichkeit. Durch seinen Vater war er auch zu einer vertieften Liebe zu gründlich vorbereiteten Studienreisen angeregt und hingeführt worden. In einer mehrtausendseitigen handgeschriebenen Familien-Chronik erwähnt er ausführlich die besuchten Orte und Landschaften und besichtigte deren Sehenswürdigkeiten, die er mit viel Sachkenntnis eingehend beschreibt. Kriegs– und NachkriegsjahreWährend des 1. Weltkrieges war Rückert als Militärseelsorger im besetzten Belgien und brachte es hier monatlich nicht selten auf etwa 40 Predigten, zahlreiche Beerdigungen, Lazarett- und Gefängnisbesuche, Besuche in Lagern für Kriegsgefangene sowie ungezählte sonstige fürsorgliche Arbeitsverrichtungen an wechselnden Orten. Ein kaum nachvollziehbares, die Gesundheit überstrapazierendes Mammutprogramm unter sehr schwierigen äußeren Bedingungen! Nach dem 1. Weltkrieg bekleidete Rückert langjährig die Position des 1. Vorsitzenden des Ev. Bundes in Unna. Ab 1939 wurde er auf Grund seiner besonderen Befähigung zum Archivpfleger für den Kreis Unna bestimmt. Für gute Leistungen und 40-jährige verdienstvolle Tätigkeit im Schuldienst wurde ihm im September 1941 das "Goldene Treudienst-Ehrenzeichen" überreicht, nachdem er sich 1938/39 und während des 2. Weltkrieges wegen bestehenden Lehrermangels verantwortungs- und gemeinwohlbewusst als Lehrkraft dem Schuldienst wieder zur Verfügung gestellt hatte. Die wenigen, heute noch lebenden ehemaligen Schüler Rückerts bestätigen übereinstimmend das ausgeprägte persönliche Engagement und das umfassende Fachwissen des hervorragenden Pädagogen, der es auch beispielhaft verstand, seine Kenntnisse und seine tolerierende Weltsicht an die von ihm Unterrichteten weiterzugeben. Ein strenges Pflichtgefühl, unbedingte Zuverlässigkeit und ein starkes Empfinden für ein human-religiöses und soziales Gemeinwohldenken waren für ihn prägende Charakteristika. Anfang 1943 wurde er auch mit den Aufgaben eines Kreisheimatpflegers betraut. Einem harmonischen und wohlgeordneten Familienleben galt sein ständiges Augenmerk, auch pflegte er gern gesellige und geistvolle Kontakte im Freundes- und Bekanntenkreis. Der in Stein über der Haustür seines 1913 erbauten Hauses, Bornekampstr. 32, gemeißelte Wahlspruch: "Das Glück des Hauses – das Glück der Welt" war bezeichnend für seine gesunde und richtungsweisende Lebenseinstellung. Die aus seiner Ehe hervorgegangenen drei Söhne Hans, Otto und Wolfgang schlugen ebenfalls akademische Laufbahnen ein und bekleideten bedeutende berufliche Positionen. Am 3. Oktober 1943 wurde Oskar Rückert im Alter von 67 Jahren abrupt aus einem vollen schöpferischen Leben durch einen plötzlichen Tod herausgerissen; die letzte Eintragung in der Rückert'schen Familien-Chronik erfolgte am 11. September 1943. Seit 1940 hatte er intensiv an der Herausgabe einer umfassenden Unnaer Stadtgeschichte gearbeitet, die nun nicht mehr vollendet werden konnte. Tragisch für die Stadt Unna, dass auch der am 30. März 1999 68-jährig verstorbene Unnaer Heimatforscher Willy Timm eine begonnene große Stadtgeschichte nicht mehr abschließen konnte! Ob in diesem Jahrhundert auch wieder gleich zwei solcher hervorragender Heimathistoriker in Unna hervorgebracht werden, wie Rückert und Timm es unzweifelhaft waren, die in gründlicher wissenschaftlicher Forschungsarbeit eine solche überaus anspruchsvolle Aufgabe bewältigen können, ist fraglich, aber sehr wünschenswert. Eine späte Ehrung wurde Prof. Dr. Rückert noch im Dezember 1949 zuteil, als einer seiner Nachfolger am Pestalozzi-Gymnasium, der Historiker Dr. Ernst Nolte, 50 ausgewählte Aufsätze von Rückert als "Heimatblätter für Unna und den Hellweg" im Verlag F. W. Rubens in Buchform herausgab. Dieser repräsentativ ausgestattete Band gilt heute als eine besondere Rarität fundierter heimatkundlicher Geschichte und lässt die Erinnerung an einen bedeutenden Mann in der Unnaer Historie weiterleben. Friedhelm Feiler Fotos: Stadtarchiv Unna Siehe auch: Willy Timm, ein Unnaer Urgestein |