Herbst-Blatt Nr.33, Dezember 2003 Herbst-Blatt

    Ein Engel ohne Flügel

    Evangelische Pfarrkirche in Hemmerde

    Mit der heutigen Beschreibung in unserer Reihe "Kirchen am Hellweg" haben wir mit der evangelischen Pfarrkirche in Hemmerde ein Bauwerk gewählt, das in unmittelbarer Nähe der alten Heerstraße errichtet wurde. Heute versteckt sich die auf einem kleinen Hügel gelegene Kirche mit ihrem fast 30 m hohen Turm hinter den Kronen hoher Bäume. Das schlichte, aus hiesigem grünen Sandstein erbaute kreuzförmige, einschiffige Bauwerk ist in mehreren Bauphasen erstellt worden.

    Die Entstehungszeit des Querhauses, des ältesten Teils der heutigen Kirche, vermutet man ebenso wie die nur noch andeutungsweise vorhandene halbrunde Apsis, gegen Ende des 12. Jh. Die Errichtung des Langhauses erfolgte um 1300, und der fünfeckige Chor trägt die Jahreszahl 1543. Wenig später wurde die Kirche durch den kompakten Turm mit teilweise 2 m dicken Mauern komplettiert. Der Turmhelm in seiner jetzigen Form stammt aus dem Jahre 1726. Der Grünsandstein hat hier, im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen im Kreis, dem Witterungsverfall bisher widerstanden.

    Die Glocken

    Das Geläut im Turm der Kirche hat eine recht wechselvolle Geschichte. Ursprünglich wurden 1684 drei Bronzeglocken gegossen. Die größere dieser Glocken wurde 1855 umgegossen, 1917 für Rüstungszwecke eingeschmolzen und 1928 durch eine neue ersetzt. Im zweiten Weltkrieg wurde sie abermals eingeschmolzen. Die mittlere Glocke entging diesem Schicksal und kam zurück, wurde aber an die Kirche in Frömern abgegeben und zersprang dort später.

    Als 1947 drei neue Stahlglocken gegossen wurden, wird auch die letzte der alten Glocken nach Bausenhagen abgegeben. Da die neuen Glocken aber schlechte Materialeigenschaften mitbrachten, wurden sie samt Glockenstuhl 1999 ausgebaut. Als Erinnerung ziert heute eine davon den Zugangsbereich der Kirche. Über der Turmuhr, die 1879 quot;fast neu" für 300 Mark erstanden wurde, rufen nun drei in Karlsruhe gegossene Bronzeglocken zum Gottesdienst.

    Die frühe Gemeinde

    Doch nicht nur die Glocken, auch die Gemeinde dieser Kirche hat eine wechselvolle und aufregende Vergangenheit aufzuweisen. Urkundlich erstmals erwähnt wurde die Hemmerder Kirche, als der Graf Ludwig und seine Ehefrau Peronetta 1290 das Patronatsrecht der Kirche auf den Grafen Eberhard von der Mark und seine Ehefrau Irmgard übertrug. "Um es für ewig zu besitzen", lautete eine der Formulierungen dieser Urkunde. Doch nur fünf Tage später verschenkte der Markgraf das Patronat, "zum Heil unserer und unserer Vorfahren Seelen" an das Stift Scheda.

    Unter den Stiftsherren

    500 Jahre blieb diese Abhängigkeit der Kirche vom Stift bestehen und war Grund für immerwährende Zwistigkeiten. Die Schedaer Stiftsherren, welche das Pfarramt ausübten, hatten weniger das geistliche Amt im Sinn als die Nutzung der reichen Hemmerder Kirchengüter. Denn außer der Landwirtschaft war da auch noch ein guter Braukessel vorhanden. Ganz im allgemeinen gab die damalige Geistlichkeit immer wieder zu Klagen Anlaß ihre Ämter zu vernachlässigen. In den "Beiträgen zur Geschichte der Ev. Kirchengemeinde Hemmerde" werden hierzu einige zeitgenössische Dokumente angeführt. Da werden Geistliche als Wucherer, Händler und Hurer bezeichnet, oder sie waren gewalttätig und streitsüchtig.

    Zur Zeit der Reformation, als einige Vikare die neue Lehre verkündeten, eskalierte der Streit zwischen Stift und Gemeinde um die Nutzung der Kirche. Obwohl zwei Schedaer Pröpste sich für die Anschaffung einer Orgel und Kanzel bemüht hatten, trat doch ein großer Teil der Gemeinde 1570 zu den Lutheranern über. Unter Mithilfe der italienischen und spanischen Soldaten wurde der Vikar vertrieben.

    Dafür rächten sich später die Lutheraner und entfernten unter massiver körperlicher Gewaltanwendung einen Pfarrer von der Kanzel. Schließlich einigte man sich auf den Bau einer kleinen katholischen Kapelle, zu der man Geld und Sachleistungen zusteuern wollte. Als aber für das Geld anstatt der Kapelle ein Schulbau erstellt werden sollte, so weiß eine Chronik zu berichten, stürmten unter dem Begleitschutz von einquartierten Husaren fünf Jungfrauen die Kirche und zerrten den Pfarrer gewaltsam heraus.

    Der Zwist begleitete die Gemeinde durch die Jahrhunderte. Noch im Jahre 1810 mußte eine ganze Gendarmerie- brigade in das Dorf beordert und der Ausnahmezustand verhängt werden, um ernsthaften Streit zu verhindern. Viele Inhaftierungen und Strafen waren im Laufe der Zeit ausgesprochen worden, bis man schließlich 1823 den Grundstein zu einer katholischen Kirche legte, die zehn Jahre später vollendet werden konnte. Damit wurde ein langer, langer Machtkampf beendet.

    1945 wurden beide Kirchen durch amerikanische Artilleriegranaten schwer beschädigt, die katholische Kirche brannte bis auf die Grundmauern nieder. In der Nachkriegszeit konnten beide Häuser wieder in ihren heutigen Bauzustand aufgebaut werden.

    Der Kirchenraum

    Der Besucher, der am Sonntag morgen den Gottesdienst besucht, bekommt ihn nie zu sehen – und doch ist er der größte Schatz, den die evangelische Kirche in Hemmerde heute besitzt: ein 33 cm hoher Leuchterengel aus Holz, der Ende des 15. Jahrhunderts entstand. Auf den ersten Blick ist er nicht als Engel zu erkennen, denn es fehlen ihm die Flügel. Sie sind verlorengegangen. Die bemalte Figur steht zusammen mit den Abendmahlsgeräten in einem gotischen Tabernakelschrein im Altarraum. Dieser Schrein wurde zwar während der Reformation zerstört, fand sich aber später bei Renovierungsarbeiten wieder. Selbst das gotische Maßwerk war noch vorhanden, so daß er in seiner ganzen Schönheit wieder aufgebaut werden konnte. Verschlossen ist er mit einem Gitter, das dem des Marienaltars entspricht.

    Leider steht der spätgotische Schnitzaltar, der Ereignisse aus dem Leben Marias und Jesu darstellte, nicht mehr in Hemmerde. Seinen Mittelpunkt bildete eine Marienstatue, die eine große Ruhe ausstrahlt. Umso lebhafter sind die Szenen, die auf den 12 seitlichen Schnitzbildern gezeigt werden. Der bemalte und vergoldete Altar trägt die stolze Inschrift "Vollendet ist dieses Werk in Braunschweig durch mich, Conrad Borgentrik 1483 am Tage vor Laurentius". 1868 mußten die Hemmerder den Altar - wohl weil er stark beschädigt war - verkaufen. Er ist heute nach Braunschweig zurückgekehrt und kann dort im Städtischen Museum besichtigt werden. Ein zweiter, älterer Altar wurde nach der Reformation abgebrochen.

    Die barocke Kanzel von 1677 zeigt die vier Evangelisten mit ihren Symbolen. Voneinander getrennt sind sie durch gedrehte Säulen. Unter dem Baldachin schwebt die Taube. Gekrönt wird die Kanzel von einem weiteren Engel. Im Gegensatz zu dem feingliedrigen, schmalen gotischen Leuchterengel fällt der Engel der Kanzel sofort ins Auge. Stämmig und bodenständig steht er da. In seinem blauen Gewand wirkt er eher wie ein Ritter aus dem westfälischen Landadel – wären da nicht die Flügel. Diese weisen ihn eindeutig als Engel aus. Er steht quasi zwischen Himmel und Erde, als eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen. Seine rechte Hand ist zum Besucher ausgestreckt, die linke weist zum Himmel.

    Bemerkenswert ist auch die Sakristeitür aus Eichenholz mit Eisenbeschlägen aus dem 16. Jahrhundert.

    Im Jahre 1983 wurde im nördlichen Querhaus ein Maßwerkfenster nach einem Entwurf von Wilhelm Buschulte erneuert. Und damit sind wir bei den Künstlern, die in neuerer Zeit Ausstattungsstücke für die Kirche schufen. Taufstein und Tauf- und Osterkerze stammen von Josef Baron. Der Taufstein übernimmt die Kreuzform der Kirche. Im Sockel aus grünem Anröchter Sandstein sind alttestamentliche Szenen dargestellt: Moses schlägt Wasser aus dem Berg, Moses und die Gesetzestafeln, Manna fällt vom Himmel und der Weg durchs Schilfmeer. Baron versucht hier, dem Gläubigen einige der unerklärlichen Geschehnisse, die die Bibel schildert, nahezubringen. Auf den angedeuteten Kreuzbalken stellt er die 4 Evangelisten dar und zeigt so, daß das Neue Testament auf dem Alten aufbaut.

    Der Sockel der Tauf- und Osterkerze schildert die Geschichte von Jona. Die Weltkugel ist von stilisierten, rauhen Wellen überzogen, um die sich der Leib des Fisches schlingt. Aus seinem Maul reckt sich Jona dem Licht entgegen. Ob der Fisch Jona gerade verschlingt oder wieder entläßt, ist nicht so genau auszumachen. Die ausgestreckten Hände und das Gesicht drücken sowohl Angst als auch Hoffnung aus.

    Besonders schön sind auch die Altarleuchter und der Bronzefuß für das Altarkreuz, die Edgar Gausling 1989 schuf.

    Besuchen sollte man die evangelische Kirche in Hemmerde an einem sonnigen Vormittag. Dann trifft das Sonnenlicht auf ein kleines Fenster in der Nebenapsis des südlichen Querhauses. Es ist das einzige bunte Fenster in diesem Raum. Die beherrschenden Farben sind Gold und Blau. Geschaffen wurde es ebenfalls von Wilhelm Buschulte (1975). Es zeigt das Gleichnis vom "Schatz im Acker" (Mt. 13, 44 ff). Goldflecken in der Mitte des Bildes deuten den Schatz an. Dieser Schatz kann sowohl aus Goldstücken oder aber aus Samenkörnern, die in der Erde wachsen, bestehen. Und damit paßt dieses Fenster besonders gut in eine Dorfkirche. Es liegt in einer tiefen Nische, die zeigt, wie dick die Mauern der Kirche sind. Umrahmt ist es von 2 steinernen Säulen mit Würfelkapitellen, die mit Blumen- und Tierornamenten geschmückt sind. Auf einer Seite läßt sich ein Greif erkennen.

    Wer der Mensch ist, der unter einem der Kapitelle mit aufgestützten Armen in die Kirche schaut, wird wohl ein Geheimnis bleiben – wie so Vieles.

    Rudolf Geitz und Brigitte Paschedag

    Siehe auch: Unnaer Künstler - Josef Baron
                      Unnaer Künstler - Wilhelm Buschulte
                      Übersicht der Reihe Kirchen am Hellweg

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