Herbst-Blatt Nr.34, März 2004 Herbst-Blatt

    Willy Timm, ein Unnaer Urgestein

    Am 30. März vor fünf Jahren verstarb Unnas bedeutendster Heimathistoriker und nicht nur in historischen Expertenkreisen sehr gefragter ehemaliger Stadtarchivar Willy Timm am Ende eines äußerst arbeitsintensiven und beruflich ausgefüllten Lebens. Geboren wurde der Heimatforscher am 5. Februar 1931 als Kind einer hiesigen Bergarbeiter-Familie in Unna, und Unna war und blieb zeitlebens seine geliebte Heimatstadt, der ruhende Pol und Kraft spendende Mittelpunkt seines umfangreichen Wirkens und Schaffens. Lediglich eine nicht ganz anderthalb jährige Tätigkeit als Archivleiter im hessischen Offenbach war Grund für eine vorübergehende Abwesenheit von seinem Geburtsort, die er jedoch nutzte, um von dort aus auch weiterhin -parallel laufend- an der hiesigen Heimatgeschichte zu arbeiten.

    Auf die Schilderung seines schulischen und beruflichen Werdegangs muss an dieser Stelle aus Platzgründen leider verzichtet werden. Nur ein, seiner besonderen beruflichen Entwicklung maßgeblich bestimmender Glücksfall, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Als Schüler des Pestalozzi-Gymnasiums in Unna gehörte der unter Heimatforschern angesehene Historiker Dr. Ernst Nolte zu seinen Lehrkräften. Dieser erkannte sehr früh die besonderen heimatgeschichtlichen Interessen seines Schülers Willy Timm, und förderte als wohlwollender Mentor die entwicklungsfähigen Neigungen. Er hat letztendlich die endgültige Berufsentscheidung seines einstigen Schülers maßgeblich mitbestimmt. Unna war und blieb seine ihn stets besonders stimulierende Stadt am Hellweg, die keiner bisher auch nur annähernd gründlich, umfassend und vertieft durchforschte und beschrieben hatte wie er.

    1979 hatte Willy Timm bereits eine detaillierte Bibliografie aller bis dahin veröffentlichten Arbeiten herausgegeben, eine heimatkundliche Fundgrube, die mit insgesamt 224 Werken seine durch Fleiß geprägte Autorentätigkeit jedoch nur teilweise widerspiegelte, da seine zahlreichen Publikationen und Monografien in regionalen Tageszeitungen nur zu einem geringen Teil in dieser Zusammenfassung Berücksichtigung fanden.

    Willy Timm

    Zu bedeutenden und in Fachkreisen anerkannten Werken gehören u. a. die 1980 herausgegebene, annähernd 500 Seiten umfassende, Quellenveröffentlichung "Das Kataster der kontribualen Güter der Grafschaft Mark von 1705" und seine 1975 in 2. Auflage mit insgesamt 12.000 Exemplaren editierte "Geschichte der Stadt Unna". Für den engeren Unnaer Raum begründete Timm in einem eigenen Verlag die viel gelesene "Hellweg Bücherei", die zusammengefasst ein fast vollständiges Konzentrat der gesamten Heimatgeschichte darstellt. Für die Unnaer Personengeschichte war sein 1995 veröffentlichtes "Bürger und Brautweinbuch der Stadt Unna 1623-1808" von wesentlicher Bedeutung. Timms verschiedene, mit hervorragenden Begleittexten versehenen Bildbände "Unna in alten Ansichten" sowie "Hagen in alten Ansichten" erreichten beneidenswerte Verkaufszahlen. Zu bevorzugten Themen des vielseitigen Heimatforschers gehörte auch die Schilderung von Zeit– und Sachabläufen zur heimischen Kirchengeschichte. Ehrenamtlich fungierte er als Synodal-Archivpfleger. 1982 wurde er auf Grund seiner in diesem Sachgebiet erworbenen Verdienste in Soest in den Vorstand für Westfälische Kirchengeschichte gewählt.

    Unter Würdigung seiner besonderen Verdienste im Bereich der westfälischen und märkischen Heimatforschung wurde er 1976 von der Historische Kommission für Westfalen zunächst zu ihrem Korrespondierenden, ab 1991 zum Ordentlichen Mitglied berufen. Willy Timm war der erste und einzige Unnaer, sowie der einzige Nichtakademiker, dem eine derart auszeichnende, aber auch verpflichtende Ehrung zuteil wurde. Seit 1977 gehörte er auch dem Vorstand des Historischen Vereins für Dortmund und der Grafschaft Mark an. Trotz seines enormen, heute kaum noch vollständig überschaubaren Arbeitspensums und der damit verbundenen Ehrungen und Anerkennungen aus unterschiedlichen Fachkreisen hatte Willy Timm von seiner leutseligen, oft mit trockenem westfälischen Humor versehenen aufgeschlossen Volkstümlichkeit nie etwas eingebüßt und erwarb sich auch im Rahmen von Führungen und Vorträgen in seiner Funktion als Ortsheimatpfleger vielseitige und zusätzliche Sympathien. In diesem Zusammenhang darf keinesfalls unerwähnt bleiben, dass seine Familie, insbesondere die aus einer alteingesessenen südkoreanischen Familie stammende Ehefrau, sein zeitaufwändiges und wenig Freizeit zulassendes Lebenswerk mit trug und ihm die dazu notwendigen Freiräume verschaffte.

    Nach seiner mit Vollendung des 65. Lebensjahres erfolgten Pensionierung hatte sich der verdiente Heimathistoriker noch sehr viel vorgenommen. Sein Hauptanliegen war die Erarbeitung einer umfassenden großen Stadtgeschichte Unnas, für die er bereits eine entsprechende Quellensammlung vorgenommen hatte. Das Schicksal wollte und bestimmte es anders. Eine tückische und lang währende Krankheit machte es ihm unmöglich, diese Arbeiten auch nur annähernd zu dem gewünschten Abschluss zu bringen. Am 30. März 1999 verstarb Willy Timm, eine unvergessene, fachlich versierte Institution, ein lebendes Lexikon konzentrierter Heimatgeschichte! Er lebte die Geschichte seiner Stadt; Hobby und Beruf vereinigten sich bei ihm in einer harmonischen, fruchtbringenden und glücklichen Symbiose. Er war nie ein Mann der lauten Töne und pflegte mehr durch stille und akribische Wissenschaft orientierte Forschungsarbeit auf sich aufmerksam zu machen. Allen, die ihn näher gekannt haben, bleibt er nicht nur durch seine Arbeiten in dauernder und dankbarer Erinnerung.

    Friedhelm Feiler

    Foto: Stadtarchiv Unna

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