Herbst-Blatt Nr.34, März 2004 Herbst-Blatt

    Sankt Martin - die Kirche der Garnison

    Die junge Pfarrkirche St. Martin hat, wie viele alte Kirchen auch, eine Vorkirche. Es begann mit einer kleinen Holzbaracke als Kapelle im "Quartier Houthulst". So benannte 1946 die belgische Besatzungsmacht die Kaserne an der Iserlohnerstraße. Als dann 1958 die neu gegründete deutsche Bundeswehr diese übernahm, kam die kleine Kasernenkapelle in die Obhut der katholischen Militärseelsorge. In der Kapelle hielten von 1960 an dann die deutschen Militärpfarrer an Sonn– und Feiertagen regelmäßig Gottesdienste, zu denen laut Standortvorschrift auch Zivilpersonen Zutritt hatten. Da dieses kleine Gotteshaus, ohne die Wache passieren zu müssen, einen direkten Zugang über den Weg "Aufm Apler" besaß, wurde diese Möglichkeit von vielen Besuchern gerne genutzt. Schon bald kam der bis dahin inoffizielle Name "St. Martin" auf. Der Bezug zu dem römischen Soldaten, der in Amiens seinen Mantel mit einem Bettler teilte, war sehr nahe liegend.

    Sankt Martin

    Da in den folgenden Jahren am südlichen Stadtrand Unnas neue Wohngebiete erstellt wurden und die Martinskapelle ständig überfüllt war, kamen bald Überlegungen für einen Kirchenneubau auf. Ganz ähnliche Gegebenheiten, neue Siedlungsgebiete und weite Wege zu den Stadtkirchen hatten schon vor genau 100 Jahren zum Bau der Herz Jesu- und der Christuskirche in Königsborn geführt. Die Standortfrage für das neu zu errichtende Bauwerk hatte die zuständige Katharinen Gemeinde mit einem Grundstückskauf an der Talstraße schon gelöst. Nachdem die Rechts– und Nutzungsfragen zwischen dem Wehrbereich III, dem Land NRW, der Stadt Unna und der Kirche vertraglich geregelt waren, konnte am 27. Oktober 1967 der erste Spatenstich für Kirche und Pfarrhaus getan werden. Unter gleichen Voraussetzungen entstanden als Standortkirchen 1965 die Adventkirche an der Lerschstraße und für die "Glück Auf"–Kaserne, 1970 die Paul Gerhardt–Kirche.

    Die Einweihung des neuen Gotteshauses konnte der Erzbischof von Paderborn, Lorenz Kardinal Jaeger am 23. November 1968 vornehmen. Zur Weihe pochte er drei mal gegen die eiserne Kirchentür und verlas die Worte: "Ihr Tore hebet hoch euer Haupt. Erhebet euch ihr ewigen Pforten, dass Eingang hält der König der Herrlichkeit."

    Für den Entwurf der Kirchengebäude, bei dem Klinkersteine und Sichtbeton die äußere Ansicht bestimmen, zeichnete das Bielefelder Architekturbüro Hanke verantwortlich. Eine Mill. DM hatte der von der Bauunternehmung Johann Gerold aus Kamen erstellte Bau gekostet. Der sachlich schlichte, auf der nord-westlichen Kirchenseite stehende Glockenturm konnte 1973 mit vier Bronzeglocken aus der Brockscheider Gießerei bestückt werden. Die große Glocke "Dem drei Einen" wiegt stolze 1000 kg, "St. Martin" 700, "Liborius" 400 und die kleine Glocke "Maria" noch 200 kg.

    Die zunächst als Filialkirche der Katharinen Gemeinde agierende Kirche wurde 1973 zur Pfarrvikarie und 1976 zur eigenständigen Pfarrei St. Martin erhoben. Im selben Jahr konnte auch der neben dem Pfarrhaus neu erbaute Kindergarten bezogen werden. Mit der Namensänderung der Talstraße vom Bornekamp bis zur Iserlohnerstraße durch die Stadt Unna erhielt die Kirchengemeinde ihre heutige Adresse, Martinstraße 32.

    Lichtband

    Nur auf den ersten Blick wirkt er schmucklos – der Innenraum der Kirche Sankt Martin. Dann aber nimmt das Auge in der Höhe das weiße, grafisch verzierte Lichtband war, das dem Raum seine Helligkeit gibt und nur wenig darunter, auf der Seite der Orgelempore, einen in hellen Pastellfarben gemalten Fries. Freundlich und einladend wirkt der Raum.

    Skulptur Sankt Martin

    Die meisten Gegenstände in der Kirche - wie der Altar, das Taufbecken und das Lesepult, der Tabernakelschrein, das Vortragekreuz, der große Fuß der Osterkerze - tragen eindeutig die Handschrift Josef Barons, der viele Kirchen in unserer Gegend mit seinen Kunstwerken versehen hat.

    Die Gestalt, die der Kirche ihren Namen gab, erkennt der Besucher erst auf den zweiten Blick. An einer Seitenwand findet sich die aus hellem Holz geschnitzte Figur eines Bischofs mit Krummstab. Nur die Gans zu seinen Füßen weist ihn als den Heiligen Martin aus. Dafür, dass die Gans zum Symboltier des Martin von Tours wurde, gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen waren die Gänse die Begleiter des Kriegsgottes Mars, und der Name Martin leitet sich von Mars ab. Zum anderen sollen Gänse Martin durch ihr lautes Geschnatter verraten haben, als er sich in ihrem Stall verborgen hatte, um nicht das Amt des Bischofs übernehmen zu müssen. Es half ihm nichts: Er wurde zum Bischof geweiht. (Heute werden die Martinsgänse zum 11. November, dem Martinstag, gemästet und verspeist).

    In einer durch ein reich verziertes Gitter abgetrennten Seitenkapelle steht eine Madonna auf dem Altar. Ihr Holz ist nachgedunkelt. Sie wirkt ernst, als ahne sie schon, was geschehen wird. Liebevoll wendet sie das Gesicht dem Kind zu.

    Hände des Pilatus

    Ebenfalls erst auf den zweiten Blick erschließt sich der Kreuzweg, der an drei Seiten der Kirche entlang führt. Zunächst nimmt der Besucher nur flache, mehr oder weniger differenzierte dunkle Holzreliefs wahr. Erst im Näher treten erkennt er, was sie darstellen. Besonders überraschend erscheint die erste Station: Nur zwei übergroße, geöffnete Hände, die Hände des Pilatus, der sie her zeigt, nachdem er sie gewaschen hat: "Ich finde keine Schuld an ihm!", soll er gesagt haben, wie die Bibel berichtet. Weiter führt der Weg an den bekannten Stationen vorbei: Jesus trägt sein Kreuz, bricht unter seiner Last zusammen, Simon hilft ihm tragen, Veronika zeigt das Schweißtuch, mit dem sie Jesus das Gesicht abgewischt hat, Maria steht am Weg, der nach Golgatha und zur Kreuzigung führt. Marienklage und Grablegung beschließen das Geschehen.

    Wendet man sich an dieser Stelle dem Altar zu, nimmt das Wandbild gefangen: ein großes Kreuz aus hellem Holz. Niemand ist an dieses Kreuz genagelt. Der auferstandene Christus schwebt segnend neben dem Kreuz und weist darauf hin, dass mit Karfreitag nicht das Ende gekommen ist. Bald ist Ostern.

    Rudolf Geitz und Brigitte Paschedag

    Siehe auch: Unnaer Künstler - Josef Baron
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