Herbst-Blatt Nr.40, September 2005 Herbst-Blatt

    Telefonitis

    An unserem letzten Seniorentreffen fragte Gerd die anwesende Resi, wie hoch ihre letzte Telefonrechnung war. Wir alle wussten es, wenn sie nur den Hörer in die Hand nimmt, kann sie nicht mehr aufhören zu quasseln. Resi zog nur die Augenbrauen zusammen, sagte aber nichts. Nach einem Moment huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Tja, wenn es das Telefon nicht gäbe, dann müsste es für die Resi erfunden werden. Das war das Stichwort, um eine längere Diskussion auszulösen.

    Bernd fragte Resi, was sie jetzt für ein Telefon hätte. Sie sagte: "Ein Schnurloses natürlich." Und nach einem früheren befragt, sagte sie, dass sie schon bald nach dem Kriege ein großes, schwarzes Gerät mit einer dicken Gabel und einem schweren Hörer bekam. Bei der Dauer ihrer heutigen Gespräche würde ihre Hand erschlaffen. Bernd erzählte von seinem Berufsbeginn bei der Bahn. Da gab es noch große, an der Wand hängende Holzkästen mit einer Kurbel an der Seite. Zu Beginn und zu Beendigung eines Gespräches musste mit dieser ein Induktionsgerät in Bewegung gesetzt werden.

    Aber wie begann die Geschichte des Telefons? Da wusste keiner so richtig Bescheid. Es fielen die Namen Reis, Watson, Blake, Edison und Bell, aber keiner konnte diese irgendwie der Geschichte zuordnen. Tatsächlich gab es mehrere Erfindungen in dem gleichen Zeitraum. Letztendlich gilt nach einem Gerichtsurteil Alexander Graham Bell als der Erfinder des Telefons. Im Jahre 1876 stellte er in des USA den ersten, brauchbaren Fernsprecher vor.

    Nach einer schwierigen Anlaufphase nahm dann die Entwicklung einen rasanten Lauf. Aus dem Kino kennen wir die Situation: wenn ein Hörer abgenommen wird, es meldet sich das "Fräulein vom Amt", man nennt den gewünschten Teilnehmers, und das Fräulein stellt die Verbindung her. Auch kennen wir noch die Zeit, dass eine Fernverbindung am Amt angemeldet werden musste, am Ort konnte man schon mit der Wählerscheibe den gewünschten Gesprächspartner "anläuten". Wir erinnern uns auch noch an die Zeit, in der größere Unternehmen eine Telefonzentrale unterhielten, oder in Kleineren der Pförtner Ferngespräche "stöpselte". Doch die Automatisierung und Miniaturisierung machte große Fortschritte. Die heutigen, netzgebundenen Telefongeräte haben schon die Größe von einem kleinen Hörer, welcher an seiner Innenseite nicht nur Wählertasten, aber auch im Inneren ein kleines Telefonbuch beinhalten. Die so genannten schnurlosen Telefone besitzen die gleichen, technischen Kennzeichen, sind aber über Funk mit einer netzgebundenen Basisstation gekoppelt. Damit können Vieltelefonierer, wie z.B. Resi, bequemer auf der Couch liegend reden.

    Rolf erwähnte jetzt das sich mehr und mehr verbreitende Handy. Die technischen Raffinessen und ihr Fortschritt, sind für uns Senioren schon unbegreifbar. Rolf erzählte, wie er im Jahre 1990 mit seinem Chef mit dem Dienstwagen unterwegs war, und dieser mit seiner Sekretärin während der Fahrt telefonierte. Diese Geräte waren noch groß und schwer. Der Hörer war über ein Kabel mit dem im Kofferraum liegenden Basisgerät verbunden, ähnlich wie beim Haustelefon. Das Basisgerät hatte noch eine außen am Wagen angebrachte Antenne. Ein Jahr später telefonierte der Chef sogar mit einem in den USA wohnenden Partner. Für die in Deutschland reisenden Mitarbeiter war ein Handgerät vorgesehen, welches je nach Bedarf im Wagen mitgenommen werden konnte.

    Für die Jugend sind die Handys zum Statussymbol geworden. Diesen genügt nicht mehr ein gewöhnliches Gerät, es muss noch Fotoapparat und MP3-Player integriert haben. Und in Zukunft vielleicht noch einen Navigator. Aber gut ist es auch, wenn die Senioren lernen damit umzugehen. Nicht alle Paare sind gleich mobil. So kann die neue Technik einer schnellen Verständigung untereinander dienen oder im Notfall schnelle Hilfe herbeirufen.

    Aber was war vor dem Telefon? Abgesehen von den antiken und mittelalterlichen Verständigungssystemen mittels Rauch oder Licht war direkte, moderne technische Vorläufer des Telefons der Telegraph. Im Jahre 1837 erhielt Samuel Morse das Patent auf den Telegraphen. Mittels eines Drahtes schickte er elektrische Impulse auf große Entfernungen. Im Jahre 1851 wurde das erste Unterwasser-Telegraphenkabel zwischen Dover und Calais verlegt, und 1867 durch den Atlantik in die USA. Die Stadt Unna wurde am 27. April 1899 mit zunächst 44 Anschlüssen an das Fernsprechnetz angeschlossen.

    Was geschah nun zwischen den Telefon-Gesprächsteilnehmern? Zuerst war das Netz von Kabeln, welches die Teilnehmer mit einer Zentrale verbunden haben. Die Verbindungen wurden, wie schon erwähnt, von Hand durch Stöpseln erstellt. Die ersten Automaten waren in unserem Verständnis Monsterschränke mit einer unübersehbaren Zahl von ratternden Relais. Eine Auswahl von diesen Verbindungsautomaten sind im Verkehrsmuseum in Nürnberg zu bestaunen. Der erste, vollelektronische Vermittlungsdienst wurde im Jahre 1962 in England eingeführt. Es dauerte aber noch mehrere Jahre, bis sich die Elek-tronik in der Telefontechnik durchsetzte. Diese aber ermöglichte erst die globale Integration der Telefonnetze. Das erste Transatlantik-Telefonkabel ging 1956 über den Atlantikboden von Schottland nach Neufundland. Sehr schnell wurde das Kabel durch die Satellitenkommunikation überholt.

    Resi staunte nicht schlecht, als sie unserer Diskussion zuhörte. Für sie war es eine Selbstverständlichkeit den Hörer zu heben, ein paar Knöpfchen zu drücken und mit Verwandten oder Freunden zu sprechen. Nie hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, was auf dem Wege zwischen den Telefonteilnehmern geschieht. Jetzt gab sie auch zu, dass ihre letzte Telefonrechnung über 70 € betrug. Lachend fügte sie hinzu, dass es auch schon viel, viel größere Rechnungen gab.

    Christian Modrok

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