Herbst-Blatt Nr.47, Juni 2007 Herbst-Blatt

    25 Jahre Eselsbrücke

    Brücken sind Bauwerke, die zur Überführung von Tälern, Straßen, Flüssen o. ä. angelegt sind. "Eselsbrücken" bedient man sich, um sich Sachverhalte, Namen, Daten o. ä. leichter in Erinnerung rufen zu können, gewissermaßen also um Erinnerungslücken zu überbrücken.

    In Unna ergab sich die Notwendigkeit des Baues einer Radfahrer– und Fußgängerbrücke zwischen der Oberstadt und dem Naherholungsgebiet Bornekamp dadurch, dass - bedingt durch den stark fließenden Straßenverkehr am Ostring - Spaziergänger, Radfahrer, Schüler der außerhalb des Stadtkerns liegenden Schulen sowie Besucher des Bornekampbades und des Bornekamp erheblich behindert und gefährdet wurden. Außerdem konnte der pulsierende Fließverkehr nicht durch zu viele Ampelanlagen ständig unterbrochen werden. Mit den Vorarbeiten zu diesem Brückenbau war bereits im November 1981 begonnen worden. Der 19. April 1982, ein sonnenstrahlender Montag, war dann der mit Spannung erwartete große Tag der Endmontage der vier riesigen tonnenschweren Brückensegmente auf die maßgerecht vorgearbeiteten Stützpfeiler. Eine Menschenmenge von mehreren hundert Schaulustigen hatte sich eingefunden, um in "einmaliger Liveatmosphäre" dieses Technikspektakel verfolgen zu können. Ein schwerer Autokran mit enormer Zugkraft jonglierte die tonnenschweren Brückensegmente an vier mächtigen Stahlseilen mit verblüffender Präzision auf die vorgefertigten Rundpfeiler. Nach mehrstündigen komplizierten Montagearbeiten konnten dann bereits abends gegen 20 Uhr die verschiedenen Brückenteile provisorisch verschweißt werden. Am 23. Mai 1982, dem "Tag des Radfahrers", wurde die Brücke zum Bornekamp offiziell ihrer Bestimmung übergeben.

    Einige Daten zu dieser Brücke mögen vielleicht noch von Interesse sein: Die Gesamtlänge beträgt 180 m (die zusammengesetzten Brückenteile 84 m, die zum Bornekamp hin abschüssige Rampe 96 m). An Baukosten entstanden 1.212.000 DM, wovon aus Landesmitteln 1.020.000 DM (Förderung des Radwegebaues) geflossen waren. Aus Gründen der Behinderten– und Fahrradfreundlichkeit verfügt die Brücke über eine 6 %ige maximale Längsneigung.

    Wie sich kurioserweise herausstellen sollte, behagte diese Längsneigung der Brücke nicht nur den Radfahrern und Behinderten, sondern am frühen Nachmittag des 1. November 2001 erschien, vollkommen unerwartet und überraschend für eine gerade dort anwesende größere Gruppe von Heimatfreunden, auch ein kleiner, noch junger, aber gut herausstaffierter heimischer Esel. Er erschien mit hintergründigem Augenzwinkern und sich erkennbar seines hiesigen hohen Eselswertes sehr bewusst auf eben dieser konvex geschwungenen Brücke, die bisher noch mit keiner offiziellen Namensnennung bedacht worden war.

    Dem Esel unterstellt man gemeinhin ein hohes Maß an langohriger Dummheit. Aber dieser selbstbewusst auftretende Abkömmling einer Eselsgattung war jedenfalls nicht mit dieser eselstypischen Eigenschaft ausgestattet. Hätte er sich sonst wohl und überhaupt an einem Ort eingefunden, an dem zuvor speziell zu seiner Hommage das Ortsschild "Eselsbrücke" anonym angebracht worden war, und das in zeitlichen Intervallen sogar gleich zweimal?

    Gleich zweimal war es aber auch von pflichtgestrengen Ordnungshütern und offiziellen und offensichtlich wenig humorbegabten Eselsbrücken-Verhinderern unverzüglich schweigend, aber souverän wieder entfernt worden. Die "autoritär agierende Stadtgewal"“ war offenbar der Auffassung, dass sie noch über genügende geistige Frische verfügen würde, um auf eine "Eselsbrücke" guten Gewissens verzichten zu können. Dabei gibt es doch in der Realität kaum einen Menschen, der solcher Eselsbrücken nicht bedarf, zudem wenn man an die fortschreitende Veralterung unserer Gesellschaft denkt. Dem kleinen Unnaer Jungesel war das alles offenbar hinreichend bekannt, er erschien absolut aufgeklärt.

    Gewissermaßen als Wahrzeichen und Symboltier unserer Stadt fühlte er sich aber nun, und das scheint "menschlich" wiederum durchaus verständlich, erheblich in seiner Esels-Ehre verletzt und tief gekränkt, was letztlich auch der Hauptgrund seines demonstrativen Erscheinens gewesen sein dürfte. Da ein Esel bekanntermaßen nur über einen äußerst begrenzten Wortschatz verfügt, war es ihm nicht möglich, sich sprachlich verständlich zu machen.

    Was aber mochte der in seinen Persönlichkeitsgefühlen so tief gedemütigte Unnaer Jungesel wohl gedacht haben?

    • Warum steht man nicht zu mir?
    • Bin ich denn nicht in Unna hier schon fast ein festes Wappentier?
    • Und was treiben Esel nun töricht mit Dir?

    So oder so ähnlich mochte der kleine Unnaer Jungesel gedacht haben. Hätte er sich einer menschlich verständlichen Sprache bedienen können, so hätte er vielleicht, unter Wahrung demokratischer Gepflogenheiten, knapp aber "menschlich verständlich" vorgeschlagen: Plebiszit! (Entscheidung durch Volksabstimmung).

    Und dabei konnte er sich sogar des Ausgangs absolut sicher sein. Doch haben sich die "Eselsbrücken-Verhinderer" vielleicht auch wiederum die menschlich verständliche Frage gestellt: "Sollte man sich, in welcher Form auch immer, überhaupt mit Eseln in irgendwelche Dispute einlassen? Könnte man sich dabei vielleicht nicht gar selbst noch zum Esel machen? Und das auch noch in einer ausgesprochenen Esels–Hochburg?" Die hiesige Regionalpresse nahm sich jedenfalls dankbar und wiederholt dieser spannungsgeladenen Eseleien an.

    Das Unnaer Senioren -Magazin Herbst-Blatt, welches ohnehin in jeder Ausgabe einen aktuellen Esel-Report veröffentlich, schlachtete diese Unnaer Provinz-Posse, satirisch gekonnt untermalt, zusätzlich erfrischend für Unnaer Altesel aus. Doch könnte es für eine Brücke in der Stadt überhaupt ein namentlich passenderes Attribut geben? Aber Esel können auch nicht alles wissen! Und Esel sind eben so, und wollen es auch bleiben. Jeder Esel weiß das!

    Vielleicht sollte man, um ausgleichende Toleranz zu üben, die Brückenbenennung "pons asinorum" ins Kalkül einbeziehen. Das könnte, aus welchen Gründen auch immer, sowohl zum Abbau persönlicher Befindlichkeiten beitragen als auch die touristische Attraktivität unserer Eselsstadt wesentlich verbessern.

    Friedhelm Feller

    Siehe auch: Warum braucht Unna keine Eselsbrücke?
                      Über die Eselsbrücke
                      Eine unendliche Geschichte
                      Der Esel zwischen Stolz und Scham

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