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Anregung & Kritik

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Kreisstadt Unna:

Geschmack ist relativ - Zwei Romane in der Diskussion 

Heute im Fokus zwei Titel, die auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis standen. Zugegeben: auf die Shortlist haben sie es beide nicht geschafft, aber die Tatsache, dass diese  Titel Anwärter auf den besten deutschsprachigen Roman des Jahres waren, erhöht die Erwartung schon sehr. Doch schnell stellt sich heraus: Geschmack ist relativ, und auch diese Titel sind nicht automatisch das Non-Plus-Ultra der deutschen Literaturszene, deutlich zu sehen an den sehr konträren Bewertungen verschiedenster Literaturrezensenten.

Kai Weyand: Applaus für Bronikowski

Der 30-jährige Nies ist ein Sonderling. Faktisch ohne Familie lebt er vor sich hin. Seine Eltern sind vor langer Zeit nach Kanada ausgewandert, und haben ihn der Obhut seines älteren Bruders überlassen. Dieser lebt nun in London, die Brüder haben kaum noch miteinander zu tun. Nies nennt sich aus Protest „NC“, was für Non Canadian steht, da ihn die Auswanderung der Eltern und die Abgabe der Erziehungsaufgabe an den älteren Bruder sehr verletzt haben. Mittlerweile berührt ihn kaum noch etwas, auch das Beziehungsende mit seiner Freundin lässt ihn kalt. Ohne Job schlendert er durch die Stadt und entdeckt zufällig das Stellenangebot eines örtlichen Bestatters. NC erhält die Stelle zur Probe und kommt erstaunlich schnell mit den einzigartigen Begleitumständen dieses Berufs zurecht. Er behandelt die Toten würdevoll und nimmt ihre letzten Wünsche sehr ernst. Dass er dabei weit übers Ziel hinausschießt, merkt er erst, als es schon zu spät ist.

Hier nun einige Einschätzungen:
Ekz-Rezensent Günter Brandorff urteilt: “Eine auf wunderbare Weise den Ernst von Leben und Tod relativierende, entwaffnende und absurde Geschichte“. Und er befindet, dass man sich mit dem patschigen, gefühlvollen Antiheld wunderbar identifizieren könne.

Die Buchpreisbloggerin Mausko13 zieht folgendes Fazit: „Der Roman liest sich leicht und flott. Ich muss an keiner Stelle grübeln oder versteckte Metaphern erkennen. …Ganz sicher ist, dass  der in Freiburg lebende Kai Weyand (geb. 1968) einen verrückt schönen Roman geschrieben hat, der mich auf andere Gedanken bringt.“

Der Buchpreisblogger Tobias Nazemi konstatiert: „Dass ich mich für diesen Roman nicht so richtig begeistern kann, liegt hauptsächlich daran, dass ich mit diesem NC nicht warm geworden bin. In meinen Augen ist der Protagonist dem Autor nicht so richtig authentisch gelungen. Weyand konnte sich nicht entscheiden, ob NC jetzt cool und entspannt oder schräg und verhaltensauffällig sein soll. In diesem Roman ist er beides, und das habe ich als störend empfunden. Besonders auffällig ist das in dem Abschnitt mit der alternativen Seebestattung, wo NC in meinen Augen auf einmal vollkommen aus der Rolle fiel. Von da an hat mich Weyand verloren. Und so kann ich leider nur sagen, dass dieser Roman ganz nett zu lesen ist, unterhaltsam daherkommt, die Situation im Bestattungsgewerbe ehrlich und nicht sensationsheischend darstellt und dem Leser hier und da ein paar Schmunzler entlockt. Viel mehr ist da aber nicht, und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was dieses Buch auf der Longlist des Buchpreises zu suchen hat.“

Dieser letzten Meinung kann sich die Belletristik-Lektorin der zib-Bibliothek nur anschließen. „Mir gefällt die Figur des NC in keiner Form, der Roman ist völlig artifiziell und berührt mich nie. Diese Nominierung ist mir völlig rätselhaft.“

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Die Protagonistin Sandra lebt mit Mann und 2 Kindern in einem Mehrgenerationenhaus am Prenzlauer Berg. Von außen betrachtet führt sie das perfekte Leben, doch innerlich läuft sie brüllend am Rande der Belastungsgrenze. Von ihrer Mutter (Alt-Siebziger-Kinderladen-Aktivistin) zu einer die Selbstverwirklichung der Kinder und das Gutmenschentum der Mütter in den Vordergrund stellenden Lebenshaltung erzogen, verliert sich Sandra immer mehr in  Alltagsproblemen. Zwischen nur noch dem Selbstzweck dienenden Plenumssitzungen der Mitbewohner und den perfekten Freizeitaktionen mit den perfekten Kindern kommt sie ins Schleudern und kann keine Entscheidungen mehr treffen, ohne ewig das Für und Wider zu ergründen. Sämtliche Lebensfreude geht verloren aus Angst vor mangelnder Anerkennung der Nachbarn und Mitmenschen…

Ekz-Rezensentin Dagmar Härter schreibt: „Mit bitterböser, schwarzhumoriger Ironie beschreibt A. Stelling in ihrem neuen Roman in quälender Ausführlichkeit, wie ihrer Ich-Erzählerin und Protagonistin in gut gemeinter nachbarschaftlicher Kontrolle und dem Spagat zwischen Berufstätigkeit, Kindererziehung und Partnerschaft ganz schlicht die Luft ausgeht. Und durch die bodentiefen Fenster sieht man schonungslos das Scheitern einer ganzen Elterngeneration. Zum Lachen, Weinen und Gruseln, manchmal ein klein wenig langatmig, aber treffend und scharf beobachtend erzählt.“

Perlentaucher veröffentlichte diese Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.05.2015:
„Kopfnickend lesend hat Susanne Messmer Anke Stellings Roman über Mutterleid im Prenzlauer Berg gelesen. Gern hätte sie mehr geschmunzelt dabei, gern auch mal über die glücklichen Momente so einer im Grunde höchst bemitleidenswerten Existenz (da ist Messmer sich sicher) gelesen. Das ‚grauenhafte‘ Milieu der Alles-richtig-Macher im Gebärmutterbezirk Berlins findet sie im Text dennoch weitgehend anschaulich, echt und vor allem einmal aus der Innenperspektive einer Frau gezeichnet. Letzteres veranlasst Messmer sogar dazu, das Buch als Konzeptroman zu lesen, der an die Frauenliteratur und die Emanzipationsbewegungen der Siebziger anknüpft.“

Die Belletristik-Lektorin des zib ist überzeugt: „Ein wichtiger Titel, der sehr authentisch das Dilemma der heutigen Bildungsbürgertum-Mütter aufzeigt. Als Helikopter-Mütter verschrien scheitern sie täglich daran, ihren Kindern den Alltag bestmöglich zu gestalten ohne sie zu bevormunden oder in ihrer Entwicklung rollentypisch zu beeinflussen. Innerlich voller Verachtung gegenüber den ‚Rollenvorbildern‘ tun sie alles, um den Schein vom guten Zusammenleben in einer möglichst generationsgemischten Gemeinschaft zu wahren. Amüsant, manchmal zum Verzweifeln, unbedingt lesenswert.“

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21.11.2017

Kreisstadt Unna

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