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Szenenfoto Literaturschnack

Nachlese des Literaturschnacks vom 05.11.2025

Der Literaturschnack am 05.11.2025

Heute ging der November-Literaturschnack über die Bühne. Ganz vielseitige Tipps kamen zur Sprache. Auch anerkannte Autor*innen kamen diesmal nicht ungeschoren davon. Einige Lektüreanregungen gingen in die melancholische Richtung, passend zum November.

Hier die Tipps im Einzelnen:

 

Romane:

  • Dirk Gieselmann: Zeit ihres Lebens, 2025 (in der Bibliothek vorhanden, in der Onleihe24 nicht vorhanden)

Westdeutschland, 1970-er Jahre: der Zufall führt Georg, einen verheirateten Vertreter für medizinische Geräte und Frieda, eine ledige Grundschullehrerin an einem verregneten Tag an einer Straßenbahnhaltestelle zusammen. Beide sind nicht mehr ganz jung, doch es ist die große Liebe, wie sie schnell merken. Sie suchen einander, bis sie sich wiederfinden. Georg hat eine Familie, die er nicht aufgeben will.  Und nun? Der Autor, Dirk Gieselmann findet in seinem zweiten Roman den absolut passenden Ton. Wunderbar dargestellt in einer angenehm altmodischen, melodiösen Poesie erinnert der Autor an die Sehnsucht in jedem von uns. Die Lesenden begleiten die Lebensreise des Paares und bleiben melancholisch zurück. Ein Volltreffer.

  • Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod, 2025 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 nicht vorhanden)

Der bulgarische Autor und Booker-Preisträger Gospodinov setzt sich in diesem wunderschönen Buch mit Leben und Tod auseinander, und das sehr persönlich am Beispiel seines Vaters. Dieser typische Vertreter der Generation, die keine Gefühle ausdrückt, war ein einfacher aber auch kluger Mann, dessen Liebe zum Gärtnern und zur Botanik Anlässe zum Erinnern für den Autor gibt. So birgt die Botanik viele Symbole für Leben und Tod, zum Teil begleiten die Geschichten auch wunderschöne botanische Illustrationen. Ohne zu beschönigen wird vom Schmerz, Leid, Tod und Trauer berichtet, dies aber mit zarter Stimme und großer Lebensfreude. Sehr empfohlen.

  • Raynor Winn: Der Salzpfad, 2019 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 vorhanden)

Dieser Bestseller-Roman, angelehnt an das Leben der Autorin, spaltet die Gemüter. Während die Einen das Buch toll finden, sind die Anderen nur tödlich gelangweilt. Worum geht es? Ein mittelaltes Ehepaar verliert sein Geld und der Mann bekommt eine schlimme Diagnose. Sie beschließen, aus dieser unangenehmen Situation zu fliehen und auf dem Küstenweg Salzpfad in Cornwell zu wandern. Mit wenig Budget und schlechter Ausrüstung kommen sie immer wieder in die Bredouille. Absolute Geschmackssache, zudem die Ausgangssituation nicht wahrheitsgemäß dargestellt wird.

  • Klaus Modick: Sunset, 2011 (in der Bibliothek vorhanden, in der Onleihe24 nicht vorhanden)

Hier geht es um Europas Schriftsteller im Exil in Kalifornien während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der sehr gut recherchierte biografische Roman zeichnet nicht nur das Leben des Erfolgsschriftstellers Lion Feuchtwanger (1884-1958) nach, sondern gibt auch ein farbiges Porträt von dessen engem Freund und literarischem Weggefährten Bertolt Brecht. Gelungen.

  • Robert Seethaler: Das Café ohne Namen, 2023 (in der Bibliothek nicht vorhanden, in der Onleihe24 vorhanden)

Dieser Titel des gefeierten Autors lässt sich gut weglesen, ist aber schwächer als die anderen. Die Handlung spielt im Wien der 1960-er bis 1970-er Jahre. Ein mittelalter Gelegenheitsarbeiter sieht seine Chance, als er ein Café eröffnen kann. Dieses wandelt sich stetig zu einem wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt des Viertels. Episodenhaft chronologisch aufgebaut kommen sowohl der Inhaber als auch die Gäste zu Wort, teilweise in wörtlicher Rede, was die Geschichte etwas auflockert. Wien und die Zeitgeschichte werden eher nicht eingefangen. Stilsicher. Lektüre für zwischendurch aber bestimmt kein Muss.

  • T.C. Boyle: No way home, 2025 (in der Bibliothek vorhanden, in der Onleihe24 nicht vorhanden)

Der bekannte US-amerikanische Autor mit Vorliebe für die deutschen Leser*innen erzählt in seinem neuesten Roman eine eher konventionelle Dreiecksgeschichte. Die etwas klischeebeladene aber gut zu lesende Darstellung dreht sich um den Assistenzarzt Terry, der ein Haus mit Hund erbt. Bethany wirft sich an Terry heran und zieht in sein Haus ein, froh über das Dach über dem Kopf. Und dann taucht immer wieder Bethanys Ex-Freund auf, ein etwas prolliger Lehrer, der nicht von ihr lassen kann … „Manche Kritiker werfen Boyle für seinen neuen Roman Oberflächlichkeit vor. Tatsächlich weist er im Vergleich zu vielen seiner früheren Romane (zuletzt "Blue Skies", ID-A 23/23) kaum Boyle-typische Themen wie Klimawandel oder soziale Missstände auf. Diese findet man hier nur indirekt, z.B. im Schauplatz in der heißen, wasserarmen Wüste oder der zeitweiligen Obdachlosigkeit Bethanys.“ (Ekz-Rezension) 

  • Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts I, 2023 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 nicht vorhanden)

Düstere Version des Films „Und täglich grüßt das Murmeltier“, als Septalogie konzipiert. Ein Ehepaar handelt im Norden Frankreichs mit antiquarischen Büchern. Plötzlich erlebt die Frau einen regnerischen Tag im November immer wieder. Zunehmend verzweifelt versucht sie, ihrem Mann ihre Situation dauerhaft zu erklären. Die bedrückende Situation wird von der dänischen Schriftstellerin nüchtern, mit philosophischen Fragestellungen aber trotzdem realistisch beschrieben. Eher für literarisch versierte Leser*innen.

  • Kaveh Akbar: Märtyrer!, 2025 (in der Bibliothek als Buch, in der Onleihe24 als Hörbuch vorhanden)

Der provokante Titel und das poppige Cover sowie die große Werbekampagne des Verlages lassen viele zu diesem Buch greifen. Und das zurecht. Es geht um die Vergangenheit und Gegenwart einer iranisch-amerikanischen Familie. Im ersten Teil stirbt die Mutter bei ihrer Flucht aus dem Iran in einem vom US-Militär abgeschossenen Flugzeug. Der Vater und sein Sohn wandern in die USA aus und schlagen sich durchs Leben. Im zweiten Teil hört der Sohn, mittlerweile Autor und trockener Alkoholiker von einer sterbenden Konzeptkünstlerin, die sich selber ausstellt, und mit der man währenddessen Gespräche führen kann. Durch diese Möglichkeit arbeitet er seine tragische Familiengeschichte auf. Melancholischer Ton, zwischen Traum und Realität changierend, einzigartig. 

 

Hörbuch:

  • Annika Büsing: Wir kommen zurecht, 2025 (in der Bibliothek als Buch vorhanden, in der Onleihe24 nicht vorhanden)

Coming-of-Age und Familiengeschichte aus dem Ruhrgebiet: der junge Philipp leidet sehr unter der bipolaren Störung seiner Mutter, die immer wieder verschwindet und ihn einmal sogar nach Holland mitnimmt, ohne dass sein Vater davon weiß. Aus der Sicht des Jungen, der das Verhalten der Mutter nicht versteht, in Rückblenden erzählt, kommen auch der Vater und seine neue Freundin zu Wort. Halt findet Philipp bei seinem Freund und dessen Familie, die ihn unterstützen. Die Ruhrgebietsumgebung ist nicht brachial sondern sehr fein eingearbeitet. Die frische Sprache und das Alter des Protagonisten empfehlen dieses Hörbuch, das von Shenja Lacher wunderbar passend eingelesen wurde und viel zum Thema Resilienz vermittelt, auch für Jugendliche.

 

Sachbuch:

  • Martin Pollack: Der Tote im Bunker : Bericht über meinen Vater, 2004 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 nicht vorhanden)

Der Autor, 1944 geboren, hat in Warschau studiert und eine große Verbundenheit zu Osteuropa entwickelt. Damit ist er das schwarze Schaf seiner Familie. In diesem Buch nähert er sich sehr sachlich und mit guter Quellenrecherche der Geschichte seines Vaters, eines schon vor Hitlers Großwerden überzeugten österreichischen Nationalsozialisten, an. Er beschönigt nichts und belegt, dass auch in Österreich nicht alle nur Opfer des Nationalsozialismus waren, sondern dass es auch dort glühende Verehrer gab. Die Familiengeschichte verknüpft der Autor sehr gekonnt mir der Zeitgeschichte.

 

Der nächste Literaturschnack findet statt am 10.Dezember2025, ist jedoch bereits ausgebucht.