(Foto: Apostel)
Nachlese des Literaturschnacks vom 11.02.2026
Nachlese des Literaturschnacks vom 11.02.2026
Gutgelaunt und in großer Runde fand der erste Literaturschnack des Jahres 2026 statt. Die Winterpause hatte die Gelegenheit zur Lektüre vieler lohnender Romane gegeben.
Wie immer sehr kundig und interessant gaben die Teilnehmenden folgende Literaturempfehlungen, eindeutige Verrisse waren nicht dabei.
- Peter Huth: Aufsteiger, 2025 (in der Bibliothek vorhanden, in der Onleihe24 nicht vorhanden)
Felix Licht ist sicher: Er wird der neue Chefredakteur der marktführenden Zeitschrift „Das Magazin“. Doch es kommt anders. Der Verleger setzt ausgerechnet Zoe Rauch auf den Posten, links, woke und mit einem völlig anderen Stil. Mit Zoe verbindet Felix seit ihrem Praktikum vor Jahren mehr, als öffentlich bekannt ist. Kann das gutgehen? Unterhaltsame Satire auf den Kulturbetrieb von einem, der sich auskennt. Peter Huth war Chefredakteur u.a. der Welt am Sonntag.
- Maja Lunde: Für immer, 2023 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 nicht vorhanden)
Dystopie, die in der Gegenwart spielt: ab dem 1.6. stirbt niemand mehr. Nur der Kreislauf der Natur bleibt weiter bestehen. Dieses weltweite Phänomen hat ungeahnte Konsequenzen für die Menschheit. Aus der Perspektive unterschiedlicher Personen erzählt verdeutlicht die Autorin die erst unmerkliche, dennoch stetige Veränderung in den einzelnen Lebenswegen. Was aufregend war, wird schal, was lebensrettend war, wird sinnlos. Viele Beziehungen werden beendet. Auf erzählerisch hohem Niveau weiß diese flüssig geschrieben Geschichte sehr zu überzeugen. Einzig die politischen Auswirkungen fehlen ein wenig.
- Maria Lazar: Viermal ich, 2025 (geschrieben in den 1920-er Jahren) (in der Bibliothek nicht vorhanden, in der Onleihe24 vorhanden)
Der Verlag „Das vergessene Buch“ bringt diesen Titel der 1895 in Wien geborenen Schriftstellerin und Publizistin heraus. Es geht um die Protagonistin und ihre drei Freundinnen. Anhand der Freundinnen (die eine definiert sich über ihren Mann, die andere ist eine strebsame Medizinerin, die dritte ist eine Friseurin aus einfachen Verhältnissen) setzt sich die Erzählerin mit ihrem Leben auseinander, kritisch hinterfragt von „der Fremden“, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt. Lohnend sind auch die eher politischen Titel von Lazar wie z.B. „Leben verboten“, die sich mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus beschäftigen. Eine lohnende Wiederentdeckung.
- Gaea Schoeters: Das Geschenk, 2025 (in der Bibliothek vorhanden, in der Onleihe24 nicht vorhanden)
Der zweite Titel der Autorin knüpft thematisch an ihr erfolgreiches Debut „Trophäe“ an und ist eine Satire auf den Politikbetrieb. Die Regierung hat beschossen, dass Jagdtrophäen nicht mehr eingeführt werden dürfen. Botswana fühlt sich dadurch benachteiligt und schenkt Deutschland 20.000 Elefanten, die fortan mit ihrer Existenz große Probleme verursachen. Der Kanzler versucht sich geschickt aus der Affäre zu ziehen, andere Politiker versuchen, die Situation für sich zu nutzen. Nach dem tollen ersten Titel fehlt es diesem etwas an Tiefgang und an Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus, trotzdem eine lohnende Lektüre.
- Stewart O’Nan: Abendlied: 2026 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 noch nicht vorhanden)
Unaufgeregte, langsam erzählte Geschichte des amerikanischen Autors, die die Sujets Gemeinschaft, Solidarität und Hilfsbereitschaft sowie das eventuelle Schwinden derselben in der amerikanischen Gesellschaft aufarbeitet. Die vier älteren Damen vom Humpty Dumpty Club haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich und andere zu unterstützen. Aus Ritualen und Traditionen nehmen sie ihre Stärke und ihre Würde. Sie helfen sich und anderen, so lange wie möglich selbstbestimmt zu leben. Es passiert nichts Besonderes und doch so viel in diesem von leisem Humor durchzogenen Roman.
- Alex Schulman: Vergiss mich, 2016, 2025 als Taschenbuch neu aufgelegt (in der Bibliothek als Buch und Hörbuch, in der Onleihe24 als Hörbuch vorhanden)
Der Autor schildert eine Mutter-Sohn-Beziehung, die durch die Alkoholkrankheit der Mutter bestimmt und stark belastet ist. Die Familie leidet schweigend. Aus der Sicht des Erwachsenen berichtet der Sohn aus dem Alltag, erinnert sich an schlimme und auch an glückliche Familienmomente und unterstreicht die Hilflosigkeit und Verzweiflung des Kindes, das trotz allem versucht, die Liebe der Mutter zu erlangen. Klare Sprache, sehr bewegend.
- Julia R. Kelly: Das Geschenk des Meeres, 2025 (in der Bibliothek sowie in der Onleihe24 nicht vorhanden)
Dieser wunderschön gestaltete Roman aus dem Mare-Verlag erzählt die Geschichte eines Findelkindes: Ein schottisches Dorf, 1900. Am Strand wird ein angespülter kleiner Junge gefunden, der wunderbarerweise noch lebt. Die Dorfschullehrerin Dorothy nimmt den Jungen, der sie sehr an ihren verstorbenen Sohn erinnert, bei sich auf. Langsam und schön erzählt, nimmt die Geschichte mit Nachforschungen zur Herkunft des Kindes und den Schicksalen einzelner Dorfbewohner ihren Lauf und gibt diesen die Chance, sich mit ihrer Vergangenheit auszusöhnen. Volle Empfehlung
- Claire Keegan: Kleine Dinge wie diese, 2025 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 nicht vorhanden)
Irland in den 1980-er Jahren: Der Kohlehändler Bill Furlong kümmert sich nicht um Gerüchte. Er macht gute Geschäfte mit dem benachbarten Konvent. Bei einer letzten Lieferung zum Jahresende entdeckt er jedoch im Kohlenschuppen eine halbtote, junge Frau, die dort eingesperrt wurde. Nun muss er etwas unternehmen … Die melancholische Sprache wird dem Thema der Misshandlungen und Todesfälle in den bis in die 1990-er Jahre von Kirche und Staat betriebenen Magdalenen-Heimen sehr gerecht und macht den schmalen Band zu einem Lesetipp.
- Dschingis Aitmatow: Der Junge und das Meer, 1978 (in der Bibliothek sowie in der Onleihe24 nicht vorhanden)
Kirisik, ein Junge aus dem Volk der Niwchen, darf mit seinem Vater und seinem Onkel zum ersten Mal mitfahren auf das Ochotskische Meer zum Fischen und Robbenjagen. Als dichter Nebel aufzieht, verlieren die Fischer die Orientierung. Es fehlt an Wasser und Lebensmitteln. Ein Überlebenskampf beginnt, der darin gipfelt, wer überleben sollte. Eindringlich, trotz schwerer Kost gut zu lesen, abgesehen vom anfänglich etwas schwülstigen Schreibstil. Gibt einen guten Einblick in die Geografie und die Lebensumstände der dort lebenden Bevölkerung.
- Peter Schneider: Schlafes Bruder, 1992 (in der Bibliothek sowie der Onleihe24 nicht vorhanden)
Romandebut des österreichischen Autors, damaliger Bestseller und von Joseph Vilsmayer verfilmt. Die Geschichte spielt in einem Vorarlberger Bergdorf, das 100 Jahre nach der Handlung des Romans von der Natur ausgelöscht wird. Der hochbegabte Elias ist trotz fehlender Bildung ein musikalisches Wunderkind. Als er auf der alten Dorforgel spielen darf, kommt sein Genie zum Vorschein. Doch das bringt Neid und Missgunst auf den Plan. Im Alter von 22 Jahren nimmt er sich das Leben, indem er nicht mehr schläft. Die altertümliche Sprache ist heute etwas befremdlich, bietet allerdings einen sehr authentischen Zugang zu der verstörenden, aber spannenden Geschichte.
Der nächste Literaturschnack findet statt am 11.03.2026 um 9:30 Uhr.
Eine Anmeldung über die vhs Unna ist notwendig.